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3. Hans Christian Andersens Reisen nach Deutschland

 

Am 16. Mai 1831 begab sich Andersen auf seine erste Auslandsreise, und da ein Italienbesuch für den 26jährigen Dichter vorerst unerschwinglich war, wurde es ein Trip in den Harz und die Sächsische Schweiz nach Deutschland. Die Bedeutung dieser Reise für Andersen in sowohl der menschlichen als auch der künstlerischen Entwicklung wurde oft unter Hinweis auf die folgende Italienreise unterschätzt. Ob sie für Andersen wichtig war, weil sie gerade nach Deutschland führte oder

"selvfølgelig ikke fordi den førte til Tyskland, men fordi den blev hans første udenlandsrejse"

, soll vorerst dahingestellt lassen. Hier in Deutschland konnte er zum ersten Mal ganz er selbst sein und erhielt nun Lob und Anerkennung anstatt kritisierender Ermahnungen von Seiten der dänischen Literaturkritik. Die Literaturgrößen in Dänemark der zwanziger und dreißiger Jahre stellten sich Andersen gegenüber lange ablehnend gegenüber; Heiberg, der Hegelianer, behandelte das Naturkind aus der Provinz ohne Sympathie und von oben herab, und der witzige Henrik Hertz führte in seinen "Gengangerbreve" den frommen Anfänger als "Hellig Anders" vor, "som rider Musens nattegamle føl", als Anspielung auf die Sage des Luftrittes des Heiligen.

Auch im dänischen Publikum hatte Andersen nur einzelne Gönner, dagegen aber viele Spötter und Nörgler; die "Fußreise nach Amager" blieb ein Augenblickserfolg, der in der Kopenhagener Literaturkritik erstickte. Die Unfreundlichkeiten seiner Landsleute kränkten den Dichter tief, er, der sich doch so sehr nach Anerkennung und Freundschaft sehnte. In Deutschland wurde ihm genau diese Anerkennung zuteil. Alles war für ihn neu, spannend und überraschend; wie eine Zauberwelt stand ihm Deutschland gegenüber. Dazu kam, daß all dies Neue auch gleichzeitig Balsam auf gerade zugefügte Wunden war: mangelnde Anerkennung, finanzielle Engpässe und vor allem unglückliche Liebe.

H.C.Andersen war mit der deutschen Literatur bereits als Schuljunge vertraut; ca. zwei Drittel aller Verse, die er in sein Poesiealbum in den Slagelse- und Helsingørj ahren geschrieben hatte, stammte von deutschen Dichtern: Goethe, Jean Paul, Schiller, E.T.A.Hoffmann, Wieland, Tieck, Gellert, Lessing und nicht zu vergessen Heinrich Heine, dessen Harzreise ihm nun als Reiseführer diente.

1831 machte Andersen seine erste größere Reise, und sie führte ihn über Hamburg und Lübeck weit nach Deutschland hinein.

Seine ersten Treffen mit deutschen Schriftstellern waren in Berlin und Dresden. In Berlin traf er Adalbert von Chamisso, der einer seiner späteren Übersetzer werden sollte und der von dem berühmten Physiker und Mäzen Andersens H.C.Ørsted angekündigt wurde. Chamisso schreibt beim Erscheinen der deutschen Ausgabe des Romans "Kun en spillemand" (dt. "Nur ein Geiger") an den damals 33jährigen Dänen:

"Sie gehören mit Recht zu Deutschlands Lieblingsdichtern."

In Dresden besuchte er Ludwig Tieck, der ihn "umarmte und küßte" und ihm "Dichterglück" wünschte, ein Enthusiasmus, der auf den von seiner Heimat her eher an eine bissige, kleinliche und nicht selten von Neid bestimmte Kritik, sogar an Mißachtung und Spott gewöhnte Dichter "den tiefsten Eindruck machte". Andersen war glücklich und stolz darüber, mit den beiden berühmten Schriftstellern Bekanntschaft geschlossen zu haben, und ihre anerkennenden Worte, die sein Selbstbewußtsein als Dichter stärken sollten, stärkten zugleich sein menschliches Selbstbewußtsein, war er doch in völlig fremder Umgebung ganz auf sich allein gestellt.

Diese sechs Wochen Auslandsaufenthalt waren kein Traum, kein Fantasiegespinst wie sonst, es war echt. Seine Erlebnisse in Deutschland bedeuteten Andersen sehr viel: er wirkte verändert, befreit. Zeugnis davon ist sein literarisches Produkt der Deutschlandreise: die "Skyggebilleder". Sie unterscheidet sich von Andersens früheren Arbeiten "Rejsebog" und "Fodrejsen", die man noch als "Lesefrüchte", abgeschaut von Heine, Hoffmann und Tieck betrachten konnte. Natürlich darf nicht übersehen werden, daß auch die "Skyggebilleder" in engem Zusammenhang mit der deutschen romantischen Dichtung gesehen werden müssen. Alles wurde so geschildert, daß es "romantisch" wurde, die Reiseschilderungen sollten "apart" und "interessant" werden. Auch die üblichen Wendungen "den store natur", "den frie natur", "Guds frie natur" usw. sind anzutreffen. Aber trotzdem: es finden sich unmißverständliche Zeichen dafür, daß Andersen nun abseits von Klischees neue Wege sucht: handfester, anschaulicher, realistischer.

Ein Beispiel im Vergleich zu Andersens früherer Produktion soll hier für viele stehen: In einer ruhigen Mainacht fuhr Andersen über die Lüneburger Heide in einem Postwagen. Während seine Mitreisenden schliefen, beobachtet er das Spiel der Elfen innerhalb und außerhalb des Wagens. Überflüssig zu erwähnen, daß er sich nicht damit begnügt, nach den guten alten Mustern vom "munteren Spiel der Elfen" zu berichten; natürlich individualisiert er die Märchenwesen, aber darüber hinaus will er ihre Leichtigkeit als Geschöpfe der Luft charakterisieren. Die Art, wie der Wechsel in seiner Erzählkunst zustande kam, hat er selbst beschrieben:

"Måden digtere fortæller, at alferne

bader sig i duggen; men hvor kan

det lette væsen, der danser på tidslens fnug uden at bevæge det, trænge igennem den hårde vandmasse; nej, de stod op på den runde dråbe, og når den så trillede rundt under deres fødder og det lette gevandt flagrede i luften, så det ud, som det nydeligeste miniatur-billede af Fortuna på sin rullende kugle."

Ein einfacher aber meisterhafter Kunstgriff: Indem uns der Tau als Tropfen mit seiner schwere vorgeführt wird, verhilft Andersen den Elfen zu einer ätherischen Leichtigkeit. Ein beeindruckendes Gegensatzpaar, das jedoch wohl abgewogen ist: der Tau ist ja keine schwere Masse, da er sich auf unzählige Tropfen verteilt, er ist nur schwer im Vergleich zur scheinbar völligen Gewichtslosigkeit der Elfen. Auf der anderen Seite haben die Elfen doch schon so viel Gewicht, daß sie auf den Tropfen stehen können, sie schweben nicht umher. Sowohl der Tau als auch die Elfen sind hier sehr "lebens" echt und anschaulich geschildert, weit weg vom Klichèe früherer Beschreibungen, auch seiner eigenen. Teilweise mit den selben Worten beschreibt Andersen eine Begegnung mit den Elfen 1829 in "Dødninge". Hier heißt es von den Fabelwesen, daß sie

"morede sig med at sejle i store blomsterblade der gyngede på duggen i det høje græs".

Der konventionelle Ton und die leblose Beschreibung sprechen für sich. Sechs Jahre später brachte der Verfasser das Märchen erneut heraus (unter dem Titel "Rejsekammraten"). Hier heißt es von den Elfen:

"to og to gyngede de på de store dugdråber".

Man erkennt die kräftigen Tautropfen und die leichten Elfen und damit den Ton der "Skyggebilleder". Sie waren die erste "Andersensche" Geschichte auf der Lüneburger Heide, hier begann er lebendige Märchen zu erzählen, ohne sich Bilder aus verwandten Schriften zu entlehnen, hier konnte er zum erstenmal selbst fühlen, sehen, mit den Händen greifen. Darin liegt das Besondere an Andersens erster Deutschlandreise. Hier öffneten sich seine Augen für die kleinen, ja kleinsten Dinge der Natur. Hier bemerkte er, daß jedes Ding in der Natur seine eigene Farbe besaß.

"Farve, tone og tanke er dog i grunden det store alst treenighed"

ist ein Ausspruch Andersens 3 Jahre vor seiner ersten Italienreise.

H.C.Andersen spricht im ersten Kapitel seines Reisetagebuches selbst von dem wohl wichtigsten Resultat seiner Deutschlandreise. Er spricht davon, daß sich für ihn eine neue Welt geöffnet hat, eine Welt

"uden påtagen originalitet"

und sie

"så ganske original ud, idet den kun var sig selv."

 

Der Dichter kam während seines sechswöchigen Aufenthaltes zur Erkenntnis, daß alles was er erlebt hatte, original war; er scheidet ab jetzt genau zwischen echter und unechter Originalität und er weiß, daß nur die echte für sich selbst existieren kann. Die "Skyggebillederne" und Briefe, die er in dieser Zeit an Freunde schrieb, belegen, daß Andersen für sich die Erkenntnis gewann, für sich selbst zu leben und sich seiner selbst bewußt zu sein. So vertritt er viel eher als früher seine Meinung und weiß mit Kritik besser umzugehen. Dies gilt auch für sein Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen. Seine Bewunderung für die "tyske trylleverden" war schließlich nicht grenzenlos, nicht für alles fand er Bewunderung. Berlin z.B. fand nicht seinen "høje bifald", wie er später Edvard Collins schrieb. Als ihn Chamisso in die sogenannte Mittwochsgesellschaft einführte, fühlte er sich nicht gerade wohl. Er selbst schrieb darüber:

"Det var meget morsomt, men grusomt tysk (...)

Dazu kam, `at de allesammen deklamerede deres digte (...) Næsten tror jeg, at sligt et selskab kunne kurere mig for denne min ungdomssynd."

H.C.Andersens spätere Deutschlandreisen und seine Besuche bei deutschen Dichtern, Künstlern, Wissenschaftlern und Fürsten stärkten vor allem sein Selbstvertrauen und kamen seiner Entwicklung als Künstler zu gute, aber eher auf indirektem Wege. So traf er z.B. außer Ferdinand Freiligrath, mit dem er später im Briefwechsel stand , in Bonn auch mit Ernst Moritz Arndt zusammen. Der wie er sagt "kräftige, rotwangige Greis mit dem silberweißen Haar", ist voller Jugend und Feuer. Sie unterhalten sich in schwedischer Sprache und feiern, während Arndt den Rheinwein aus dem Keller holt. Später wird er ihm u.a. ins Stammbuch schreiben:

"Deutschlands Frühling er wird kommen!

Für die Wälschen klingt`s Schaß ab!

Allen Guten, Tapfern, Frommen

Leg` ich diesen Wunsch aufs Grab!

Mit diesem meinem letzten Vers grabe ich einem frommen, kindlichen nordischen Mann meine Erinnerungen ein. Bonn,

19.Mai 1843. E.M.Arndt aus Rügen."

In den ca. 15 Jahren vor dem 3jährigen Krieg knüpfte Andersen immer mehr Freundschaften in Deutschland und seine großen Reisen in die übrigen europäische Länder führten ihn immer wieder durch Deutschland: die Italienreise 1833/34 erstreckte sich über ein halbes Jahr, wovon er ein Drittel in Deutschland bzw. Österreich verbrachte; Seine Europa/Orientreise 1840/41 dauerte 9 Monate, 3 Monate davon in Deutschland; die Tour nach Frankreich 1843 dauerte 4 Monate, die Hälfte der Zeit verbrachte er in Deutschland und seine große Reise 1845/46 nach Italien und der Schweiz (11 Monate) benutze er, um wiederum Freunde in deutschen Landen zu besuchen. Bei all seinen Besuchen traf er auf deutsche Berühmtheiten und besonders bei der letzen Reise zog er von einem Fürstenhof zum anderen: der Großherzog von Oldenburg vermachte ihm einen kostbaren Ring, der König von Preußen einen Orden, der österreichische Erzherzog eine Ehrennadel und der Großherzog von Sachsen-Weimar wurde einer seiner besten Freunde. All dies berichtet er in Briefen an seine Freunde zu Hause, so daß Collin ihm einmal etwas ironisch zurückschrieb:

"Jeg kan ikke fortælle om samliv med hertuger og hertuginder, og jeg kryber ikke omkring på gulvet med deres børn."

Andersen ließ sich in seiner Begeisterung für "sit kære Tyskland" nicht beirren. Denn dieses Land gab ihm den Rückhalt, den er zu Hause vermißte. Hier wurde er als der "lille Goethe" verehrt und mit Schiller verglichen. Andersen dachte ja nicht im Traum daran, daß er so begeistert angenommen wurde, weil er ein "fremder Vogel" war und daß die Sache schon anders ausgesehen hätte, wenn er ein deutsches Arme-Leute-Kind gewesen wäre. Trotzdem verlor er auch in diesen "triumfaar" nicht den Blick für die kritische Distanz. So besuchte er 1833 sein großes Vorbild Heinrich Heine in Paris und schrieb später an Collins über das Treffen:

" har ført mig sammen med Heine, men han behager mig ikke, der er vist intet godt ved ham som menneske."

Diese Antipathie gegen Heinrich Heine, den er als Künstler hoch schätzte, hielt sich bis zu seinem Tode Zu einem wirklich freundschaftlichen Verhältnis kam es nur zu einer Handvoll Deutschen, zu denen Adalbert von Chamisso in Berlin, Felix Mendelssohn und Robert Schumann in Leipzig und der Großherzog von Sachsen-Weimar Carl Alexander gehörten. Allerdings starben die beiden erstgenannten schon früh (1838) und Schumann war ab 1850 schwindsüchtig. Die Freundschaft mit Carl Alexander wurde aufgrund der Feindseligkeiten zwischen Preußen und seiner Verbündeten und Dänemark auf eine harte Probe gestellt. Er besuchte ihn das letzte Mal im Jahre 1856, während der Briefwechsel noch bis 1862 florierte. Nur durch Zufall trafen sie 1867 in einem Zug aufeinander, doch Andersen gab sich nicht zu erkennen und zog jedesmal wenn der Großherzog das Kupè passierte die Gardine vor. Bereits im Jahre 1846 bemerkte Andersen in Weimar:

"For første gang i mit liv har det politiske kastet en tung skygge ind over mig."

Es war jene Zeit, als sich die politische Situation um Schleswig-Holstein zuspitzte und Andersen konstatieren mußte, daß die Deutschen nun in ihm auch den dänischen Staatsbürger sahen. Bisher hatte er sich um politische Fragen nie gekümmert. Er wollte sich nicht für oder gegen Deutschland entscheiden müssen. Doch die Ereignisse während des 3jährigen Krieges zwangen ihn dazu und so hielt er sich während dieser Zeit von Deutschland fern. Das änderte sich jedoch: bis 1859 besuchte Andersen nach dem Frieden von Berlin jedes Jahr seine deutschen Freunde. Doch insgesamt muß man feststellen, daß H.C.Andersens Verhältnis zu Deutschland merklich kühler wurde. Das kann einerseits mit den politischen Auseinandersetzungen zu tun gehabt haben, andererseits wurde er nun auch in seinem Heimatland als Dichterpersönlichkeit anerkannt. Seine Zuneigung für Deutschland starb zwar nie, aber mit der Zeit schärfte sich sein Wahrnehmungsvermögen und seine Urteilsfähigkeit; er wurde auch im Umgang mit Deutschland objektiver. Dies gilt besonders für Andersens letzte Jahre. Jetzt hatte er sich einen Platz in der Welt erkämpft, seine Berühmtheit als Dichter war ein Faktum - zu Hause und in der ganzen Welt - nicht mehr nur in Deutschland.

Es wäre wohl müßig alle Ideen und Impulse aufzuzeigen, die H.C.Andersen vom deutschen Geistesleben aufgriff und weiterverarbeitete, vor allem beim Einfluß der deutschen Romantiker, die seine frühen Arbeiten nachhaltig beeinflußten. Eine übersichtsmäßige Behandlung dieses umfangreichen Gebietes könnte leicht zu oberflächlichen Generalisierungen führen und eine eingehende Besprechung des gesamten Materials kann innerhalb dieses Rahmens nicht in Frage kommen. Das gleiche gilt für Andersens Wirkung auf deutsche Dichter. Deshalb werde ich mich noch auf drei Punkte konzentrieren: Das Deutschlandbild in den Schriften Andersens, seine Märchen im Vergleich zum romantischen deutschen Kunstmärchen und Andersens Sprache, bzw. Probleme bei der deutschen Übersetzung.

 

 

 

4. Das Deutschlandbild in Andersens Schriften

 

Rein quantitativ gesehen spielt Deutschland im Werk Andersens eine eher bescheidene Rolle. Nur eine einzige Schrift behandelt ausnahmslos das südliche Nachbarland: die "Skyggebilleder" von 1831. Dazu kommen noch ein paar Reiseskizzen späterer Jahre (Nürnberg, Augsburg, Oberammergau usw.). Ein zehntel von Andersens berühmtestem Reisetagebuch "Af en digters bazar" von 1841 beinhaltet Schilderungen aus oder von Deutschland. Qualitativ aber gehört der Basar "til det ypperste, som er skrevet om Tyskland" . 1847 erscheint "Mit livs eventyr, welches wieder mehr Schilderungen über Deutschland enthält; insgesamt ein Fünftel. Auch in den poetischen Schriften findet man viele Hinwendungen. In "O.T." (1836) erinnert der "Tyske Heinrich", ein echter Theaterschurke nach altem Vorbild, an Deutschland. Bezieht man Österreich in die Überlegungen mit ein, stände "Kun en spillemand" (1837) mit seinen vortrefflichen Schilderungen aus Wien den deutschen Liebesbezeugungen des Dichters in nichts nach. In "At være eller ikke være" (1857) läßt er die Erinnerungen seiner vielen Hamburger Besuche wieder aufleben. In seinem berühmten "Billebog uden billeder" (1839/48) handeln 2 der 33 Geschichten direkt von Deutschland, eines von Tirol: die dunklen Bilder von der Lüneburger Heide mit den deutschen Bauern, die nach Amerika auswandern wollen (für Andersen gleichbedeutend mit dem Weg ins Grab/15. aften), die Geschichte in der Jødegade in Frankfurt, wo die Mutter von Rothschild nicht mehr aus ihrem alten Haus ziehen will, weil sie schon dort so lange glücklich lebte (25. aften) und das Stimmungsbild aus Tirol mit den 2 Nonnen, die sehnsuchtsvoll dem Klang des Posthornes lauschen (23. aften). Bemerkenswert ist noch die Historie, bei der verschiedene Menschen in einer Frühlingsnacht auftreten (13. aften): duftende Bäume am Meer, die Nachtigall singt, im Hintergrund ein Kriegerdenkmal. Aber die prosaischen Menschen haben gar keinen Sinn für die Natur, so z.B. der Maler, der die Natur nur als ein Spiegelbild empfindet, sich alle Farben notiert um später die Natur in ihren Farben wieder niederschreiben zu können. Als die Nachtigall im Hintergrund ihr abendliches Lied singt, ruft der Maler dem Vogel ein grobes "Halts Maul!" entgegen. Warum dieser Ausruf gerade auf deutsch geschah, kann nicht schlüssig geklärt werden und es ergibt sich auch nicht aus dem Kontext. Andersen, der sich in dieser Geschichte gegen Fantasielosigkeit in der Kunst und Unsensibilität gegen die Natur wendet, wird damit den typisch deutschen, bürokratischen Zug im Auge gehabt haben. Zu den Märchen: In "Det gamle Hus" (1848) schickt ein kleiner Junge einen seiner zwei Zinnsoldaten dem alten Mann, weil er so allein war.

Das gleiche erlebte Andersen bei seiner Abreise aus Oldenburg.

Der fünfjährige Sohn Erich des Dichters Julius Mosen schenkte ihm einen Zinnsoldat und Andersen fand es "noget rørende deri" . "Pebersvendens nathue" (1858) schrieb er nach einem Besuch in Thüringen und das Märchen wurde nach seinen persönlichen Erfahrungen mit der dortigen Landschaft gestaltet; die Schilderungen der Gegend um Eisenach und der Wartburg wurden nicht nur gesehen und geschildert, sondern regelrecht nachempfunden, weshalb sie einen besonders glaubwürdigen und stimmungsvollen Hintergrund sowohl für "Pepersvendens" langen Weg von der Kindheit in Eisenach bis in die Hyskenstræde in Kopenhagen abgibt. Zu Schillers 100stem Geburtstag schrieb Andersen "Den gamle kirkeklokke" (1859). Die Städte Marbach und Stuttgart werden, in dem Versuch, sich Schillers Persönlichkeit und Werk zu nähern, atmosphärisch dicht geschildert. In der Geschichte "Om årtusinder" von 1852 zeichnet Andersen Deutschland etwas farblos aus der Vogelperspektive:

"Dernede ligger Tyskland - som engang omspændtes med det tætteste net af jernbaner og kanaler - landene, hvor Luther talte, Goethe sang, og hvor Mozart i sin tid bar tonernes scepter!"

Doch schon ein paar Monate später zeichnet er ein Stück Deutschland, daß er mit seinen eigenen Augen gesehen hat. In "Under piletræet" (1852) bildet Nürnberg den wichtigsten Schauplatz des Märchens:

"Det er en underlig gammel by, som klippet ud af en billed-krønike. Gaderne ligger, som de selv vil, husene holder ikke af at stå i række; karnapper med små tårne, snirkler og billedstøtter springer frem over fortorvet, og højt oppe fra de underligt stillede tage løber midt ud over gaden tagrender, formede som drager eller langlivede hunde."

Die Hauptfigur der Geschichte, Knut, leidet in Nürnberg, trotzdem es ihm dort gut gefiel, unter starkem Heimweh. Als er es nicht mehr aushält, weil er immerzu an die dänischen Holunder und Weiden denken mußte und ein Leierkastenmann "spillede en melodi hjemme fra Danmark", macht er sich auf den Weg nach Hause, erreichte seine Heimat jedoch nicht mehr; er erfror. Andersen dagegen kam immer wieder nach Hause. Er war und blieb seiner Heimat verbunden, obwohl ihm das deutsche Geistesleben stimulierte und ihm Rückhalt gab. Die deutschen Menschen und die deutsche Natur spielten vor allem deshalb in Andersens Dichtung eine wesentliche Rolle.

 

 

5. Andersen, Grimm und die deutschen Romantiker: Ein deutsch/dänischer Märchenvergleich

Andersens Vorbilder in der deutschen Romantik waren vor allem Hoffmann, Tieck, Paul und Heine. Auf der Kopenhagener Bühne entgegnete ihm die deutsche Ritterromantik in der Art Fouquèts aber auch die Tiecksche Märchensymbolik und die mystisch-kindliche Frömmigkeit eines Brentano oder Eichendorffs. In Kopenhagen, wie auch in Ferdinand Raimunds Wien oder Hoffmanns Berlin, herrschte eine romantische Fantastik und Satire; sie eroberte die Novellistik und die Bühne. Aber alles, sowohl die Hoffmannschen Kobolde und die Raimundschen Zaubereien, die Geister der deutschen Opern oder die Tieckschen Elfen erlebte Andersen wie eine Fortführung seiner Kindheit ("Mit livs eventyr"):

"Andersens Weltgültigkeit gründet sich auf seine Märchen als auf die wahrste und dichteste Selbstdarstellung seines Wesens im Werk."

Diese Kindheitsmärchenwelt fand er auch bei Grimm und den verschiedenen Sammlern von norwegischen, dänischen und schwedischen Märchen in literarischer Fixierung wieder. Doch Andersen war kein dänischer Grimm und genausowenig war ein romantischer Schriftsteller im Sinne Hoffmanns oder Tiecks. Andersen hatte dafür zuviel Fantasie. Er, der wegen seiner proletarischen Herkunft verachtet, seines linkischen und zudringlichen Verhaltens oft verspottet wurde, hatte die Gabe, sich in seine Charaktere hineinzuversetzen und, noch wichtiger, dies auch gekonnt literarisch umzusetzen. Klar, daß dabei etwas anderes herauskommt, als wenn irgendein Bibliothekar "Hänsel und Gretel" trocken nacherzählt oder ein Kammergerichtsrat in einer Weinstube seine philisterberauschenden Teufelselixiere braut.

"Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König lange Jahre redlich gedient,als aber der Krieg zu Ende war und der Soldat, der vielen Wunden wegen, die er erhalten hatte, nicht weiter dienen konnte..." usw.

Das ist Grimm.

" kam ein Soldat auf der Landstraße daher marschiert. Eins zwei, eins zwei!"

Das ist Andersen.

Dasselbe Märchen wurde hier vom Berichterstatterton zum Gegenwartsstil umgeformt.

Andersen schuf einen neuen Märchentypus gegenüber dem Volksmärchen, nämlich den, der die Wirklichkeit zum Märchen macht und zwar kraft der kindlichen Augen, die die Wirklichkeit erblicken. Einige seiner Märchen sind bereits aus Grimm schon bekannt, aber nun sind sie mehr Kindermärchen, von einem anderen Ton und Typus, von eher femininerem Charakter; Märchen von Prinzen und Prinzessinnen, die von bösen Stiefmüttern und Hexen verfolgt werden, von Verzauberung und Entzauberung und allesüberwindender Treue und Liebe und von Pietät gegenüber den Toten und Mitleid mit den Tieren, die dann später durch die Dankbarkeit dieser belohnt wird. Während die Volksmärchenmotive vielfach uralten naturreligiösen Ursprungs sind, sind Andersens Märchen ins Christliche und Moralische umgedeutet. Das Volksmärchen entstand ja vor der Scheidung von Wirklichkeit und Wunder, das Kunstmärchen kennt die Scheidung und tritt bewußt auf die Seite des die Wirklichkeit aufhebenden oder durchbrechenden Wunders. Niemals würde man von Andersen eine Geschichte wie die vom "Froschkönig" hören, in der die Königstochter (deren einziger Vorzug darin besteht, daß sie "die Schönste" ist) einen Frosch für sich arbeiten läßt, ihm das Versprochene verweigert und zum krönenden Abschluß ihn umbringt. Dafür bekommt sie nicht die ewige Verdammnis, sondern überraschenderweise einen schönen jungen Prinz. Solch ein moralischer faux pas wäre bei Andersen undenkbar. Während die Gebrüder Grimm ihre Märchen sammelten, um dadurch den deutschen Volksgeist zu entdecken; die geistigen Schätze des breiten Volkes zu finden, dichtete Andersen seine Märchen als das einfache Kind aus dem Volk, er besaß sie in sich selber. Während die Gebrüder Grimm die Volkssprache sozusagen ausgruben war Andersen ein zielbewußter Künstler, der die Kindersprache aufgriff und aus ihr das stilbildende Element für seine Dichtung schuf. Schließlich und als Wichtigstes: in seiner Erneuerung der Märchenpoesie humanisierte er die Grimmsche Welt, merzte das meiste von allem grob Fantastischen aus und führte zahlreiche kleine, deutliche Züge aus dem wirklichen Leben ein. Er entfernte die allzu wunderhafte Machtentfaltung und brachte, statt dieser, den Glauben daran, daß derjenige, der von tief drunten von den armen Leuten kommt, zuerst Böses durchmachen muß und dann von Gott und den Menschen geliebt wird. Vor allem prägt er das Märchen durch seinen eigenen Stil und spricht in ihm, wie die Dichter der romantischen Kunstmärchen, seine Gedanken, Ideen und Empfindungen aus. Was ihn dabei besonders auszeichnet, ist die Gabe der lebendigen, mündlichen Rede, und es ist "sein großer Einfall, sie in die Schrift zu übertragen und dadurch den alten Sinn der Märchen, die doch von Mund zu Mund gingen, wieder zu erfüllen."

Geht man den Motiven nach, findet man auch viele Gemeinsamkeiten bei Grimm und Andersen, aber sie beruhen weniger auf einer Anlehnung Andersens an die Grimm`schen Märchen als auf gemeinsamem volkstümlichen Märchengut. Denn die Grundmotive der Märchen kehren ja überall wieder, sie sind allen Völkern gemein, nur ihre Wiedergabe ist verschieden. So entsprechen Andersens `Wilde SchwäneA den Grimm`schen "Brüderlein und Schwesterlein" und "Allerleirauh" den "Sieben Raben". Andersens "Schweinehirt" enthält dasselbe Motiv wie "König Drosselbart" usw. Es würde zu weit führen, alle diese Anklänge im einzelnen aufzuführen.

Mehr noch als bei den Gebrüdern Grimm gegenüber finden sich Parallelen von Andersens persönlicher Märchendarstellung im Vergleich mit den deutschen romantischen Kunstmärchen. Andersen teilt nicht nur Motive und Gemeinsamkeiten in der Wahl des Stoffes mit den deutschen Romantikern.

"Hier ist eine Wahlverwandtschaft tieferer Art: sie wurzelt in der gleichen oder verwandten Lebens- und Weltanschauung, in der auf beiden Seiten betonten Herrschaft des Herzens und des Gefühls über den kalten Verstand..."

 

Seine Eigenart läßt sich am ehesten neben dem Dichter des romantischen Kunstmärchens, dem er am meisten verpflichtet ist und auch seinem Wesen am nächsten stand, neben E.T.A.Hoffmann . In ihrem jeweiligen Verhältnis zur Wirklichkeit und zum Wunder tritt diese Zusammengehörigkeit, aber auch Verschiedenartigkeit, am auffälligsten in Erscheinung. Hoffmann war es, der den dichterischen Durchbruch in Andersen bewirkte. Sein Vorbild ist in eine seiner früheren Arbeiten, der "Fodrejse", zu erkennen. Doch schon bald trennte sich der Schüler vom Lehrer. Die Welt, in der sich Hoffmann bewegte, war ihm zu fantastisch. Andersens Welt war schlichter und wirklichkeitsnaher. Schon Adam Oehlenschläger hatte die Luftschlösser, die er in der deutschen Romantik fand, in die dänische Literatur eingeführt, sogar in seinem orientalischen Märchen "Aladdin". Andersens Wunderlampe war das Feuerzeug des heimkehrenden Soldaten, mit dem er die Geister herbeirufen konnte. Diese Geister kommen bei Andersen nicht mehr aus dem fernen Wunderland, sondern aus dem Alltag und den kleinen Dingen der umgebenen Wirklichkeit. Auch Hoffmann vertrat i.G. zu den meisten Romantikern die Auffassung, daß die Wirklichkeit und das Märchen eigentlich nicht voneinander getrennt werden dürften. Während aber E.T.A.Hoffmann die Kluft zwischen Fantasie und Wirklichkeit zwischen den beiden Welten in seinem Dualismus nur durch die romantische Ironie überbrücken konnte, gibt es bei H.C.Andersen die Feindschaft zwischen Alltag und Wunder nicht mehr.

Dies zeigt am Besten ein Vergleich zwischen den beiden Märchen "Den lille Idas Blomster" (1835) und "Nußknacker und Mausekönig" (1816/17), auf das der dänische Dichter zurückgegriffen hatte bei der jedoch Andersen bei seiner "lille Ida" viel näher in der Wirklichkeit bleibt, als Hoffmann.

Die Voraussetzungen sind zunächst bei beiden Märchen dieselben: Beide wollen die Kinder ihrer Freunde unterhalten und lassen nicht nur die Kinder ihrer Erzählung auftreten, sondern auch sich selbst und zwar als Erzähler: Drosselmeier bei Hoffmann, ein Student bei Andersen, eine Technik, die der Däne beim Deutschen entlieh. Doch schon ihre Selbstcharakteristik weist auf den Unterschied von Andersens und Hoffmanns Darstellungsart und Wesen: Andersen gibt sich einfach als ein Student, der hübsch erzählen kann, Drosselmeier dagegen ist in seinem Aussehen bereits treffend gezeichnet:

 

 

 

"...Studenten, der sad i Sophaen; for ham holdt hun saa meget af, han kunde de allerdeiligste Historier og klippede saadanne morsomme Billeder: Hjerter med smaa Madammer i, der dansede; Blomster og store Slotte, hvor Dørene kunde lukkes op; det var en lystig Student!"

"...Drosselmeier war gar kein hübscher Mann, nur klein und mager, hatte viele Runzeln im Gesicht, statt des rechten Auges ein großes schwarzes Pflaster und auch gar keine Haare, weshalb er eine sehr schöne weiße Perrücke trug, die war aber aus Glas und ein künstliches Stück Arbeit."

Hoffmann neigt zur Karikatur. Er will befremden, neugierig machen und das Ungewöhnliche und sogar Abstoßende hervorkehren. Drosselmeier ist eine typisch Hoffmannsche Figur durch die der deutsche Romantiker seine poetische Grundauffassung darlegt: die Dualität in der nüchtern-realistischen, vordergründigen Welt des Bürgers und die höhere, geheimnisvollere der Fantasie und Poesie. Drosselmeier gehört zu beiden Welten. Für die reale bürgerliche Welt ist er der Herr Obergerichtsrat mit der Perrücke, aber eigentlich ist er in der Märchenwelt zu Hause. Da ist er der Onkel des Nußknackers, erlöst die Prinzessin Pirlipat und wird von der Königin Mauserinks verzaubert. Dazu kommt, daß Hoffmann gern das Grauenerregende im Wesen seiner Protagonisten herausstreicht; es erinnert ein bischen an die Tante, die dem kleinen Diederich Häßling im `UntertanA die bösen Märchen vorlas:

"Marien fing an sehr zu grauen, und entsetzt wäre sie beinahe davon gelaufen, als sie Pate Drosselmeier erblickte, der statt der Eule auf der Wanduhr saß und seine gelben

Rockschöße von beiden Seiten wie Flügel herabgehängt hatte."

Auch die kleine Ida lebt im Land des wunderbaren, genau wie Marie. Doch Hoffmann stellt die beiden Welten gegenüber und läßt es dem Rezipienten frei, der einen oder anderen Welt mehr zu glauben. Er zeigt die Doppelnatur, so wie alles für den nüchternen Verstand aussieht und so wie es der Eingeweihte begreift. Andersen dagegen kennt diesen Dualismus nicht. Er zeigt nur das Wunderbare in der wirklichen Welt:

"Indem die kluge Marie das alles so recht im Sinn erwägte, glaubte sie auch, daß Nußknacker und seine Versallen in dem Augenblick, da sie ihnen Leben und Bewegung zutraute, auch wirklich leben und sich bewegen müßten. Dem war aber nicht so, alles im Schranke blieb vielmehr starr und regungslos, und Marie, weit entfernt ihre innere Überzeugung aufzugeben, schob das nur auf die fortwährende Verhexung der Frau Mauserinks..."

"Nu saa hun en stor blaa Crocus hoppe midt op paa Bordet, hvor Legetøiet stod, gaae lige hen til Dukkesengen og trække Gardinerne til Side, der laae de syge Blomster, men de reiste sig strax op og nikkede ned til de andre at de ogsaa vilde med at dandse. Den gamle Røgmand, som Underlæben var brækket af, stod op og bukkede for de pæne Blomster, de saae slet ikke syge ud, de hoppede ned mellem de andre og vare saa fornøiede."

Hoffmann versucht Marie`s Erlebnisse dem Ungläubigen herzuleiten, indem er angibt, daß sie aus Fieberträumen entstanden sind. Andersen versucht nie, das Wunder oder scheinbar Unmögliche vor den Augen des ungläubigen Lesers oder vor unwissenden Kanzleiräten ("er det noget at bilde Barnet ind!") zu rechtfertigen.

Auch Inhalt und Handlungsführung sind typisch für die Dichter. Bei Hoffmann muß Marie der Schlacht zwischen Nußknacker und Mausekönig beiwohnen. Andersen will das Schreckeneinflößende durch das Liebenswürdige und Freundliche ersetzen, ganz wie es in seiner Absicht lag, Kinder zu unterhalten, ohne sie zu ängstigen. Die ganze Thematik: nächtliche Beobachtung eines fantasiebegabten Mädchens, ist allerdings bei Hoffmann geborgt. Darüber hinaus folgt Andersen seinem deutschen Vorbild auch in stilistischer Hinsicht, z.B. bei der Behandlung der beiden Mädchen ihren Puppen gegenüber:

dicke, dunkelroten Backen haben, und daß sehr wenige der allerschönsten Puppen solche weichen Sofas besitzen.""Den lille Ida Blomster" erschien in der ersten Sammelausgabe von Märchen, die Andersen 1835 herausgab. Es zeigt ihn auf den Spuren Hoffmanns, aber auch schon mit der Eigenwilligkeit des Stils, die auch die anderen Märchen der gleichen Sammlung auszeichnet. Auch später tritt Andersen an die Seite Hoffmanns, etwa in "Lykkens Kalosker" oder in "Hyldemoer". Hoffmanns große Bedeutung für den dänischen Dichter beruht nicht so sehr darauf, daß er ihm Stoffe und Motive lieferte - denn die fand Andersen eher im Leben oder auf Reisen als in der Literatur - sondern auf seiner "Mentorenrolle"; darauf, daß Hoffmann bei der Entstehung von Andersens Märchen Pate gestanden hat. Hoffmanns Vorbild ermutigte Andersen erst zur Herausgabe seiner Kindermärchen. Sie war damals noch ein Wagnis. Die Kritik, vor allem die dänische, bezeichnete sie auch prompt als Rückschritt gegenüber dem "Improvisatoren", der ja im selben Jahr herauskam.

Es lassen sich noch viele Parallelen zwischen H.C.Andersen und der deutschen Romantik nachzeichnen wie etwa das Naturgefühl oder die Religiosität oder das Naturmärchen ("Die Glocke klingt geradezu wie ein Evangelium der romantischen Naturphilosophie und fordert den Vergleich mit Tiecks Märchen heraus" ).

Trotz dieser vielen Gemeinsamkeiten verschließt Andersen sich i.G. zu den Deutschen nicht dem Geist der neuen Zeit, der im 19.Jahrhundert die Welt verwandelte. Andersen ist einfach moderner. Nicht die Unendlichkeit einer fantastischen Welt lockt ihn, sondern das Schöne in der endlichen Wirklichkeit. Dadurch konnte er selbst die Kunstmärchen der Romantiker verdrängen.

Nur mit den Gebrüdern Grimm muß er die Liebe der deutschen Leser teilen, aber nicht mit Hoffmann, Tieck, Brentano oder Novalis. Sie drangen nicht so ins Volk und blieben meist auf der höheren literarischen Ebene, weil ihnen die Unmittelbarkeit und Einfalt fehlte, weil sie mit Gleichnissen und Symbolen tief beladen sind, mit geistreichem Witz glänzen wollen und mit Zeitsatire durchsetzt sind. Darum ist neben den Gebrüdern Grimm und vielleicht Wilhelm Hauff nur Andersen ein Märchenerzähler des Volkes geworden.

 

 

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