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Alexander Drews

Berlin, den 28.12.1994

 

 

 

 

Seminararbeit zum Hauptseminar: "Hans Folz in Nürnberg"

Sommersemester 1994

Seminarleiterin: Priv.Doz. Edith Wenzel

 

 

 

 

 

 

Thema:

 

 

Hans Folz als Drucker

 

 

 

Humboldt Universität zu Berlin

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

1. Vorwort.....................................................................3

 

2. Das neue Medium......................................................4

 

3. Hans Folz als Drucker...............................................7

 

4. Der Drucker und sein Publikum................................11

 

5. Druckfassungsvergleich............................................13

 

6. Drei listige Frauen....................................................14

 

7. Auswertung...............................................................20

 

 

8. Literaturverzeichnis..................................................23

 

 

9. Anhang.....................................................................25

 

 

 

 

1. Vorwort

 

 

Was bewegte Hans Folz sich eine Druckerpresse anzuschaffen?

War er als Wundarzt und als Barbier nicht ausgelastet? Wenn heute jemand etwas drucken oder vervielfältigen möchte ist das ohne Probleme zu schaffen. Aber im Jahre 1479, als es den Buchdruck gerade mal 35 Jahre gab, wo man noch eine Druckerpresse quasi aus dem Nichts erbauen muß, ist es noch eine avantgardistische Beschäftigung, die sehr viele Kenntnisse aus artverwandten Berufen erfordert. Hans Folz war solch ein Universalkünstler. Nicht nur das er mehrere Berufe (wenn auch nur "erlernt") ausübte, er interessierte sich für das allgemeine Zeitgeschehen, für die Religion, für die Literatur, die Alchemie - ohne die man als Drucker nichts bewerkstelligen kann, für den Haushalt und andere Dinge des spätmittelalterlichen Alltags, wie menschliche Schwächen, Trunkenheit, Quacksalberei und vieles mehr. Betrachtet man sein Werk, so fallen seine gedruckten Reimpaargedichte besonders auf - so etwas hat es bisher noch nicht gegeben. Von einigen gab es sogar Nachauflagen und Raubkopien und hier wird es spannend: Warum gab es gerade hier Nachauflagen, warum wurden diese verändert, wie wurden diese geändert, welchen Nutzen brachte das für das Publikum wie für den Drucker, inwieweit gab es eine Rückkopplung zwischen Autor und Publikum und wie sah sie aus, bewirkte sie die Änderung oder geschah dies wegen der Materialeinsparung? Diesen und anderen Fragen werde ich mich in dieser Seminararbeit stellen.

 

 

 

 

2. Das neue Medium

 

 

In Mainz , eines der Zentren des Handels und des Handwerks im Spätmittelalter, kam es 1444 in einer Werkstatt zu einer technischen Erfindung, die sich als epochemachend erweisen sollte.

Der Erfinder hatte den prosaischen (und heute längst vergessenen) Namen Johannes Gensfleisch zur Laden, genannt wurde er Gutenberg. Nach mehreren Versuchen glückte ihm eine Metallegierung (vornehmlich mit Blei, Zinn und Antimon), die es ihm ermöglichte, mit einem einmal gegossenen Alphabet immer neue Texte setzen zu können, da das kostbare Material nach dem Einschmelzen immer wieder verwendet werden konnte. Als erstes Buch der Welt wurde die Bibel gesetzt und gedruckt.1 Mit diesem Buch gelang Gutenberg seine bedeutendste Leistung. Für das Gutenbergsche Schriftsystem war ein gewaltiger Typenapparat (290 Zeichen, davon 47 Großbuchstaben und 243 Kleinbuchstaben sowie Interpunktionszeichen) nötig. Die Zeilen der Bibel sind exakt ausgerichtet und gleichlang, haargenau ist auch das Register eingehalten. Interessanterweise wurde diese Bibel auf unterschiedlichem Material gedruckt; auf Papier sowie auf Pergament. Pergamentexemplare galten als wertvoller, schon allein deshalb, weil für jedes Exemplar die Haut von rund 170 Kälbern benötigt wurde (bei 30 Pergamentbibeln eine wahrhaft opferbereite Einstellung). Wenn man für einen Setzer die im Mittelalter übliche Arbeitszeit von 12 Stunden annimmt, und rechnet, daß er bei der komplizierten Setzarbeit etwa eine Seite am Tag setzte, so erforderten die 1282 Seiten der Bibel 1282 Setztage! Obwohl sechs Setzer beschäftigt waren, begannen doch nicht alle gleichzeitig und mußten zum Teil andere Arbeiten ausführen. Wahrscheinlich zog sich der Satz und der Druck über etwa 4 Jahre hin. Bei einer an Umfang vergleichbaren handschriftlichen Kopie gegenüber zeigt sich, wie Tilo Brandis nachwies2, daß die aufgewendete Zeit für die Abschrift von Hand eines Berufsschreibers der Setzarbeit des Druckers fast gleichkam. Aber die Bibel lag am Ende dieser Arbeit in einer Auflage von etwa 200 Exemplaren vor, die handschriftliche Kopie in einem einzigen Exemplar.

 

1 Dr.Ingrid Kästner: Johannes Gutenberg. Leipzig 1981, Seite 13

2 Tilo Brandis: Handschriften- und Bücherproduktion im 15.

und frühen 16. Jahrhundert. In: Literatur und Laien-

bildung..., Stuttgart 1984, S. 176-193

 

Der Unterschied bestand also in der Menge des Produkts, in der Vervielfältigung des Textes, was "die Deckung des Bedarfs eines immens vergrößerten (und weiter vergrößerbaren) Empfänger-bzw. Käuferkreises" ermöglichte, wie Ingeborg Spriewald betonte.3

Einer solchen Konkurrenz blieben die Handschriften nicht lange gewachsen. Die überlegene Vervielfältigungstechnik des Buchdrucks war nicht aufzuhalten, zumal die Nachfrage dem Angebot entsprach.4 Ab ca.1480 wurde die Handschriftenproduktion nahezu vollständig verdrängt. Gleichzeitig vollzog sich ein Wandel in der Buchproduktion, denn in den ersten zwei Jahrzehnten der Buchherstellung wurden überwiegend große Standardwerke gedruckt. Brandis meint: "Ab 1480 verliert das große, repräsentative, vorwiegend lateinische und theologische Standardwerk seine Vorherrschaft", und zwar zugunsten eines weiteren Spektrums des spätmittelalterlichen sowie des Beginns neuer humanistischer Literatur, die in kleinen, mittleren und großen Druckausgaben "für den gelehrten Leser, aber zunehmend auch für ein breiteres Publikum"5 herausgebracht wurde. Im Zuge dieser Veränderungen entwickelte sich der Kleindruck heraus, der in Heft oder Einblattform vorlag und deshalb später Flugschrift oder Flugblatt bezeichnet wurde. Bei Inge Spriewald wurde die Flugschrift "zum verbreiteten und wirksamen Medium sowohl für aktuelle Nachrichtenübermittlung als auch für eine Gebrauchsliteratur, deren Spektrum von populärwissenschaftlicher Kenntnisvermittlung bzw. -erweiterung insbesondere auf

 

 

3 Ingeborg Spriewald: Literatur zwischen Hören und Sehen.

Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1990, Seite 57

  1. Rolf Engelsing ermittelte eine Durchschnittsauflage eines Buches bei den Anfängen von

etwa 100 bis 150 Stück, um 1470 von 200 bis 300 Stück und gegen Ende des 15.

Jahrhunderts 400 bis 500 Exemplare, vereinzelt sogar bis zu 1000. Das

Gesamtaufkommen an Drucken des 15. Jhd. ist lediglich mit Schätzungen erfaßbar. Nach

ihnen kamen etwa 8 bis 10 Millionen (!) Druckwerke heraus, davon in Deutschland rund

600 Buchausgaben in 60000 Exemplaren. Bei einer Gesamtbevölkerung Deutschlands mit

13 Millionen Einwohnern und geschätzten 1,5 Millionen Städtern , wovon 5% des Lesens

mächtig waren, kann man von einem Lesepublikum von etwa 75000 ausgehen.

Rolf Engelsing: Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in

Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft.

Stuttgart 1973, Seite 18 ff

5 Tilo Brandis (1984), Seite 181

 

medizinischem, ökonomischem und historischem Gebiet- über lehrhafte und erzieherische Einwirkung bis zum Unterhaltsamen reichte.6

Da aber noch kein offizieller Schulzwang bestand, und vom Lande ein steter Zustrom analphabetisierender Bevölkerung herrschte, waren für die Vermehrung des Lesens und der Laienbildung Schrittmacher vonnöten, die, von den Verhältnissen und Möglichkeiten der städtischen Umwelt ausgehend, die Neugier und Interesse an Gedrucktem vorantrieben. Ein solcher Schrittmacher war der Nürnberger Handwerksmeister Hans Folz.

 

6 Ingeborg Spriewald (1990), Seite 58

 

3. Hans Folz als Drucker

 

Hans Folz wurde 1435/40 in Worms geboren und erlernte dort das Barbiererhandwerk. 1459 erlangte er das Bürgerrecht der Stadt Nürnberg, belegt durch eine Urkunde, die den Grundstein der Hans Folz Biographie bilden sollte.7 Als Geschworener Meister der Wundarznei ist Folz erstmals im Jahre 1498 bezeugt.8

Umstritten ist, wann Hans Folz sich mit welcher literarischen Form beschäftigte. Von den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts an hat Folz Meisterlieder verfaßt, Reimpaargedichte und Schwankmären gedichtet, Fastnachtspiele aufgeführt und informationsorientierte Publikationen herausgegeben. Das Besondere aber war dabei: Er erkannte, daß man literarische Erzeugnisse am besten verbreiten konnte, wenn man die neue Kunst des Buchdrucks zu Hilfe nahm. Exakt 20 Jahre nach seiner Endgültigen Niederlassung in Nürnberg, also 1479, begann Folz mit seiner eigenen Presse zu drucken, womit er sich die revolutionierende Erfindung zu eigen gemacht hat. Als Grundlage seines beruflichen Wirkens und als Broterwerb nennt er zwar "Puchs, flid, scharsach"9 also Salbenbuchse, Aderlaßeisen und Schermesser10, aber, so ist der zustimmende Tenor der Forschung11, die gedruckte Verbreitung seiner eigenen Texte dürfte einen Nebenerwerbszweig gebildet haben. Die frühest bezeugte Arbeit von Hans Folz ist ein Reimpaargedicht ("Der Beichtspiegel"), der die Entstehungszeit in den Schlußversen ausweist:

 

  1. Hanns Fischer: Hans Folz. Altes und Neues zur Geschichte seines Lebens und seiner

Schriften. In: Zeitschrift für das deutsche Altertum und dt. Literatur. 95, 1966, S.234

8 Hanns Fischer (1966), S.215

9 "Was ich sunst mach?/ Puchs, flid, scharsach/ Mein narung pracht zusammen."

August L. Mayer (Hrsg.):Die Meisterliederdes Hans Folz.

Berlin 1908 In: Deutsche Texte des Mittelalters. 12, Nr 69,V.144-146

10 Übersetzung von Inge Spriewald (1990), die damit ihren

Fehler von 1961 (Puchs = Buch) korrigiert

11 Inge Spriewald (1990), S.59, Johannes Janota: Hans Folz in Nürnberg. Ein Autor

etabliert sich in einer stadtbürgerlichen Gesellschaft. In: Philologie und

Geschichtswissenschaft. Heidelberg 1977 , S.77

 

 

Das hat Hanns Folcz, barwirer

Zu Nurenbergk, getichtet, das ist war,

Im tausent fierhundert und im treiundsibenzigisten jar.12

Diese vorösterliche Beichtanleitung ist zugleich der erste Druck, den Folz auf seiner eigenen Presse herstellte. Es folgten 8 weitere Drucke bis 1480 und man nimmt an13, daß er in dieser Druckperiode auf Vorhandes zurückgegriffen hat.

Folgende Reimpaarsprüche druckte Folz in der ersten Druckperiode:

-"Drei törichte Fragen" I (1479)

-"Die Wahrsagebeeren" I (1479)

-"Spottrezepte eines griechischen Arztes" (1479)

-"Beichtspiegel" (1479)

-"Christ und Jude" (1479)

-"Das römische Reich" (2 Ausgaben: 1479 und 1480)

-"Die drei Studenten" (1480)

-"Adam und Eva" (1480)

-"Der Arme und der Reiche" (1480)14

Außerdem existieren noch unfirmierte Drucke, die vermutlich15 aus dem Jahre 1481 stammen:

-"Drei törichte Fragen"II

-"Drei listige Frauen"I

-"Werbung im Stall"

-"Der witzige Landstreicher"

-"Der Pfarrer im Ätna"

-"Klopfan"16

 

12 Hanns Fischer: Hans Folz, Die Reimpaarsprüche. München 1961.

In: Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 1,

Nr 25, V.666-668

13 Hanns Fischer (1966), S. 217, Johannes Janota: Hans Folz.

In: Fränkische Lebensbilder. Band 10, Neustadt/Aisch 1982,

Seite 30, sowie Ingeborg Spriewald (1990), Seite 60

14 Hanns Fischer (1966), Seite 218

15 siehe Fischer (1966), Seite 219

16 Hanns Fischer (1966), Seite 222

 

1483 beginnt er mit einem neuen Satz Lettern zu drucken.

Daher kann man diese beiden Druckperioden unterscheiden; zum ersten zeitlich, Folz druckte bis 1488, zum anderen inhaltlich. Die neuen Lettern weisen Unterschiede zum alten Satz auf, und so bezeichnet man die alten Lettern mit Type 1 und die neuen mit Type 2/3 ( Datiert sind aus der Gruppe mit diesen Typen hergestellten Drucken zwei, einer 1483 und einer 1488, wonach man die ganze Serie in die Jahre 1483 bis 1488 setzt)17. Es sind folgende 18:

 

- "Die halbe Birne" -"Dreier Bauern Frage"

- "Der Köhler als Liebhaber" -"Judas der Ketzerapostel"1483

- "Die Wahrsagebeeren II" -"Der Buhler" 1488

- "Drei listige Frauen II" -"Der Spieler

- "Der Schinkendieb als Teufel" -"Der Trinker"

- "Der falsche Messias" -"Der Traum"

- "Der Kuhdieb" -"Zweierlei Minne"

- "Die falsche Beichte" -"Zwei Rätsel"

- "Hausratbüchlein" -"Konfektbüchlein"18

Wesentlich ist, daß Folz bestrebt war, seine Texte durch den Druck an die Öffentlichkeit zu bringen, wobei er die Druckerzeugnisse von vornherein auch als Verkaufsprodukte betrachtete19. Dies signalisiert eine grundlegend andere Einstellung zum Literaturerzeugnis, als sie noch bei Michel Beheim zu beobachten war, wie Ingeborg Spriewald feststellt20.

Auch für diesen war das Herstellen und Vortragen von Texten mit seinem Broterwerb verbunden, aber, und gerade das ist der Unterschied, Beheim befand sich noch in der persönlichen Abhängigkeit vom jeweiligen Mäzen, während ein städtischer Handwerksmeister wie Hans Folz von seinen beruflichen Einnahmen leben konnte und das "Büchermachen" nur als zusätzlichen Nebenverdienst betrachtete.

 

 

17 Hanns Fischer (1966), Seite 223

  1. Ich habe hier die Bezeichnungen von Hanns Fischer (1966), Seite 223 übernommen und

nicht die vom Gesamtkatalog der Wiegendrucke, welche teilweise erheblich voneinander

divergieren

19 siehe Ingeborg Spriewald (1990), Seite 61

20 Ingeborg Spriewald (1990), Seite 61 ff

 

Er konnte neben seiner Berufstätigkeit Druckerzeugnisse herstellen, aber der Erwerb und die Einrichtung einer Druckerpresse, die zugehörigen Anschaffungen von (teurem Bütten-)Papier, Druckerschwärze, Bleisatz usw., all das erforderte Vorfinanzierungen. Sie mußten durch den Verkauf der Druckerzeugnisse wieder eingebracht werden, wenn möglich mit Gewinn. Dies scheint Folz gelungen zu sein, wenngleich auch nur ein Jahrzehnt, da alle späteren drucktechnischen Veröffentlichungen auf der Presse von Peter Wagner erschienen.

Auf Nachfrage und Verkaufschancen geben die häufigen Zweitdrucke aus seiner eigenen Presse positive Hinweise. In einem Meisterlied bringt Hans Folz seine Hochachtung für diese Erfindung zum Ausdruck21. Hierin wird der Buchdruck als etwas noch nie dagewesenes gekennzeichnet (man wisse jedenfalls nichts davon, daß es diese Kunst zuvor auf Erden jemals schon gegeben habe). Auch dieser Lobpreis auf Gutenberg und seine neue Kunst des Druckens zeigt, daß das Risiko sich offensichtlich gelohnt hat.

 

 

21 Mayer, Nr.68

 

 

4. Der Drucker und sein Publikum

 

 

Statistisch gesehen kamen Lieder, Sprüche und gereimte Sprüche in deutscher Sprache erst ab 1490 unter die Presse22.

Für die Zeit davor bilden die gedruckten Reimpaare die Ausnahme. Das bedeutet, wie Sauer und Spriewald23 schlußfolgern, daß Hans Folzens Erzeugnisse für einen ganz bestimmten Käuferkreis gedacht waren. Wenn es aber eine Verbindung zwischen dem Autor/Drucker Folz und seinem Publikum gegeben hat, bietet seine Druckertätigkeit auch einen Hinweies darauf, für wen er druckte. In dem Spruch vom Hausrat24 wendet sich Folz ausgesprochen an die Armen, d.h. an den unbemittelten Gesellen, der er selbst einmal war25. Aber die Hinweise, daß es oft für einen Armen schwer sei alles zu kaufen, was ein Neugeborenes bedarf26, zeigen beredt, daß diese Schicht als Käufer nicht in Frage kommt. Der aufgezählte Hausrat und die Darstellung der Räume27 aber lassen keinen Zweifel, daß es sich um das Hausinnere eines reichsstädtischen Bürgers aus der Handwerkerschicht handelt, welcher als potentieller Käufer schon eher in Frage kommt. Wenn Folz aber nur für die Oberschicht druckte, warum blieb er dann bei der leicht faßlichen und volkssprachlichen Reimpaarweise? Ingeborg Spriewald ging davon aus, daß mehrere Faktoren dafür eine Rolle spielten; er fühlte sich als Dichter, dem das Reimen lieb und leicht war, er wollte bewußt einen Leser- und Hörerkreis ansprechen, dem die Reimpaarform geläufig und dienlich war und es war eine Absatzfrage, die ihn auf den Kleinbürger und Handwerker verwies28. Also ein

 

 

  1. Manfred Sauer: Die deutschen Inkunabeln, ihre historischen Merkmale und ihr

Publikum. Phil.Diss. Köln 1957

23 Ingeborg Spriewald: Hans Folz - Dichter und Drucker.

In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Bd.83, Halle 1961,

Seite 252

24 Mayer, Nr.14a

25 ausführlicher bei Ingeborg Spriewald (1961), Seite 254

26 Mayer, Nr. 14a V.190ff

27 Mayer, Nr. 14a V.173ff

28 Vgl. Ingeborg Spriewald (1961), Seite 256

 

arbeiten nach dem Muster: alte gereimte traditionelle Sprüche für ein neues Leserpublikum zugeschnitten.

Folz kannte die Leseerwartungen (und damit die Absatzverhältnisse für seine Drucke) offenbar ganz genau. Deshalb konnte er sich Leser bzw. Hörer gewinnen, die vorher noch gar nicht zum "literarischen Publikum" gehörten, sondern erst begannen, zum gedruckten Erzeugnis zu greifen. "Wen Folz vor allem anspricht, das geht aus seinen Werken hervor"29, meint Ingeborg Spriewald, und führt mehrere Belege an. So schrieb und druckte er nur in Ausnahmefällen für das Patriziat, in der Hauptsache für den reichsstädtischen Ackerbauern und Handwerker. Die Reimpaarform bot sich ihm als volksläufigste Aussageweise an, denn sie war leicht zu handhaben und zugleich für die Leser und Hörer am besten auswendig zu lernen. Das war vor allem Wichtig, da nicht jeder Interessent selbst lesen und selbst einen Druck erwerben konnte. Im gedruckten Reimpaargedicht wird stärker als im Meisterlied oder im Fastnachtspiel eine soziale Tendenz deutlich. Damit will Folz belehren und helfen. "Neben Aderlaßeisen und Schermesser will er auch das puch zu gutem Zweck gebrauchen"30.

 

29 Ingeborg Spriewald (1961), Seite 258

30 Ingeborg Spriewald (1961), Seite 259

 

5. Druckfassungsvergleich

 

 

Für einen Vergleich von Drucken von Hans Folz, der sich anbietet, um Veränderungen in seinem Schaffen zu beobachten, eignen sich diejenigen Reimpaarsprüche, die er selbst zweimal druckte.

Man kann deshalb zwischen "Drei törichten Fragen" wählen, das Folz 1479 und 1481 druckte, "Die Worper" (oder "Die Wahrsagebeeren"), die er 1479 und zwischen 1483-88 herstellte, "Das römische Reich", dessen Zweitauflage ein Jahr nach der Erstauflage (1479) erschien, und "Drei listige Frauen", wo die Erstfassung in die Gruppe der unfirmierten fällt (also um 1481) und die Zweitauflage in die Druckperiode um 1483-88. "Das römische Reich" ist für einen Vergleich relativ wenig ergiebig, da Folz in beiden Auflagen mit der Type 1 druckte und auch sonst kaum Veränderungen festzustellen sind31, was übrigens ein Indiz dafür ist, daß sich der Absatz des Druckes lohnte und dafür, daß Veränderungen in nachfolgenden Druckfassungen um so genauer betrachtet werden müssen. Da die Zweitauflage des "römischen Reiches" rasch geschah ist aber auch zu vermuten, daß Folz in einer geringen Auflage druckte um den Verkaufserfolg abzuwarten. Für diesen Fall wird er den Bleisatz nicht eingeschmolzen, sondern gelagert und wiederverwendet haben (eine Verfahrensweise, wie sie bis heute in jeder Druckerei angewendet wird) - ein Hinweis darauf, daß der ökonomische Gesichtspunkt für die Verfasser eine wichtige Rolle zu spielen beginnt - in einer Zeit, in der der "Warencharakter des Buches" sich ja allmählich herausbildet32. Da die "Wahrsagebeeren" bereits untersucht wurden33 bleibt die Wahl zwischen "Drei listigen Frauen" und "Drei törichte Fragen", wobei ich mich für das erste entscheide, da dieses in beiden Druckperioden entstand. Von einem Vergleich der beiden Fassungen der "Drei listigen Frauen" sind Aufschlüsse zu erwarten über die Gründe, die Folz dazu veranlaßten, dem Publikum nicht bloß einen unveränderten Wiederabdruck vorzulegen, über die Bearbeitungstechnik des Autors und seine Ziele und Wirkungsabsichten.

31 Vgl.Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Band IX Seite 22,23

32 siehe auch Inge Leipold: Frühe deutschsprachige Druckprosa. In: DVjs 48 (1974), S. 269ff

  1. Jörn Reichel: Hans Folz als Bearbeiter eigener Märendrucke. In: Phil.Untersuchungen.

Wien 1984, S. 260ff

 

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