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6. Drei listige Frauen

 

 

Zunächst werde ich alle Unterschiede zwischen beiden Fassungen darstellen, um anschließend beurteilen und auswerten zu können.

1. Wechsel zu anderen, kleineren Typen (Type 2+3)

2. Papierformatwechsel von Quart zu Oktav

3. Verminderung der Zeilenanzahl pro Seite von 25 auf 22

4. Verzicht auf die Inhaltsbeschreibung (Tacete-Eröffnung), dafür eine knappe fettgedruckte Überschrift

5. Verzicht auf das leere Blatt auf der ersten Seite

6. Vergrößerter Holzschnitt (doppelt so groß)

7. Verminderung der Blattanzahl von 6 auf 4

8. erhebliche Textkürzung bzw. Änderung (Fassung I 224 Verse;

Fassung II 132 Verse), das entspricht einer Kürzung von 58,9%

9. Versbestandsvergleich: Im Gegensatz zur Erstfassung hat die überarbeitete Version

82 veränderte Verse

29 vollständig neue Verse

21 identische Verse

,daß heißt, vom ursprünglichen Textbestand blieb lediglich ein Teil von 9% unangetastet.

10.Inhaltliche Veränderungen:

FI

"Nun sweigt und habt ewer gemach,

FII

fehlt

(V.1,2)

So künd ich euch ein allte sach"

   

FI

"Hiemit ich dise red laß valln.

FII

"Hiemit ich dise red loß lalln.

(V.146ff)

Doch wolt ich mich gar kurcz pedencken, Zu sagen, welche yn gewan,"

 

Und sagen, welche in gewan."

 

 

FI

"Wie sanfft hat dir der wein gedrapt,

Das du so ligest auf deim wanst. Und nit deinr guten cleyder schanst,

Die du trugt necht am feyertag.

Wol auf und merck, was ich dir sag:

FII

fehlt

(V.84ff)

Dein nachpawr Doll leyt auf der por;"

 

"Ei pald, dein nachpaur Tol ist tot"

FI

(V.95ff)

"Das weyb sprach:'das mich got behüt!

Schaw eins doch, ob der man nit wüt.

Ich mein, du seyst schlafftruncken noch.

Nun pistu gancz gecleydet doch;

Dan das du alles dein gewant

Yn federn hast so gar geschant.'"

FII

fehlt

und

FI

(V.69ff)

"Doch dacht er in im selbst:'nun sie,

Pin ich der kapelon dan hie,

Wie hab ich mein allso vergessen?

Ge ich und richt mich zu der messen!'"

FII

fehlt

FI

"'Eylt doch, ee man die glock anzye,

FII

(V. 48)

"Eylt doch, ee man zur meß anzie.'

(V: 62ff)

Das ir auch über allter stet.'

Der pawr sprach: 'der mich des aufret!

Solt ich genüber allter stan,

So müst ich do ein platten han'"

 

Rest fehlt

- auch erzählerische Details wurden weggelassen, Detail die das Geschehen eigentlich erst lustig machen:

FI

(V:27ff)

"Das weyb slug ob im aus den geyl

FII

(V.21,22)

"Das weib het erst mit im irn geil

Und sprach zu irer meit:'pald eil,

 

Und sprach zu irer meyt:'pald eyl, 'Hilff mir in kürczlich neen eyn.

Wie künt er pas gestorben seyn.'

Als sie in eingeneet het,

Sant sie die meyt hin an der stet

Das man in holt und mechts nit lanck.

Schnell schob sie in unter ein panck."

(V:23,24)

Das man yn hol und machs nit lanck'

Und schob die weil yn unter ein panck."

 

Beachtenswert ist hier, wie Hans Folz in dieser unfertigen Sprechpartie der ersten Frau ein Stück wörtliche Rede in der Mitte kürzt und nach dem Auslassen des Einnähens fast nahtlos zum weiteren Geschehen übergeht.

FI

(V:147/

148)

"Doch wolt man mir ein frisch einschenken,

So wolt ich mich gar kurcz pedenken"

FII

fehlt

- Als Verbesserung der Erstauflage erfolgte auch eine Substitution einzelner Wörter, ohne daß dies durch Kürzung oder syntaktische Änderung gefordert wäre:

FI

(V. 62)

"Eylt doch, ee man die glock anzye"

FII

(V. 48)

"Eylt doch, ee man zur meß anzie"

- Ab V.157 (FI) bzw. V:119 (FII) beginnt das Resumee. Es hat in der Fassung I 57 Verse, aber in der Fassung II nur 14 Verse. Inhaltlich gehen die Verse völlig auseinander, so daß der Schluß praktisch neu geschrieben wurde.

- Folz kürzte sogar Erzählelemente, die zum Verständnis der Handlung notwendig sind. Durch das Weglassen kommt es zu Brüchen, die dem Verfasser offensichtlich nicht auffielen oder egal waren (oder unwichtig waren, da der Stoff ohnehin bekannt war?34) So ist die Stelle unlogisch, als der Hausknecht Heinz "das mercket" (gemeint ist das unter-die-Bank-schieben des Ehemannes) und er zur Frau eilt, um die Lage auszunutzen, aber gar nicht wissen kann, daß der Mann "tot" ist, die Stelle fehlt in der Fassung II:

 

 

  1. Vgl. auch F.Raas "Die Wette der drei Frauen" Bern 1983

 

FI

(V.35ff)

"Der hawsknecht mercket kürczlich das,

Das im sein pawr gestorben was.

Er eylet pald hin zu der frawen,..."

FII

(V.25,26)

"Der hausknecht mercket kürczlich das.

Eylends er zu der frawen sas,..."

 

Oder noch krasser: Warum läßt der Erzähler das Publikum am Ende raten, welche von den drei Frauen die Wette gewonnen hat, eine Unterbrechung ankündigt ("Hiemit ich dise red loß falln", V.110), um sofort danach mit der Auflösung des Rätsels zu beginnen. Verständlich ist dies nur mit Kenntnis der Erstfassung (V.147,148), in der eine kurze Trinkpause angekündigt wird:

FI

(V.147ff)

"Hiemit ich dise red laß valln.

Doch wolt ich mich gar kurcz pedencken

Und sagen, welche in gewan."

FII

(V.110,

111)

"Hiemit ich dise red loß falln.

Zu sagen, welche yn gewan,..."

?

- Abschließend noch eine kurze Betrachtung der Schlußverse, denn sie betreffen die gravierendsten inhaltlichen Veränderungen:

In der Fassung I werden die Personen der Handlung am Schluß allegorisiert:

FI

(V.171ff)

"Nun wer dan fort sint die drey man,

Die dys drew weyb geeffet han?

Das sint drey stent der welt, nempt war,

der fürsten und geistlichen schar,..."

FII

fehlt

und die Moral so zu einer Kritik an den "drey stent" einer Ständekritik also.

Außerdem enthält der Schluß noch eine religiöse Komponente (was offensichtlich noch nicht einmal in dieser Gattung ein Problem darstellt):

FI

(V.145)

"O herr, nun laß uns nit geschehen

Mit unsern weyben als den dreyen

Das sie uns auch nit also geheyen."

FII

(V: 116ff)

"O her, nun loß und nit gescheen

mit unsern weiben, alls den dreyen,

Das sie uns auch nit o geheyen."

 

In Fassung I wird der religiöse Weg weitergegangen, während in der zweiten Fassung nur noch allgemeine Warnungen an die Männer vor Trunkenheit und Weiberlist die Rede ist:

FI

(V.157ff)

"Nun diser frawen woren drey.

Do merckt drey groß betriger pey, Die iglich mensch auf erden hot;

Fechten in an pis in den dot:

Das fleysch, der teüfel und die welt,

Die stet aufschlagenm ir zelt

Das in sülch folle swein gepürn,"

In eines yden menschen hercz,

Darin zu üben iren schercz,

Das kein so geistliche persan

Auff erd ir eym mag widerstan."

FII

(V. 119ff)

"O was fint man ir noch pey weiln,

Die sich den wein lan übereiln,

Pis er yn in dem hirn wirt clopfen,

Wie in eim paum die widhopfen.

Wan dan die weiber an in spürn,

usw.

 

 

und weiter:

FI

(V.178ff)

"Das ist, sie spurn gleich wol die not,

Die angst, den jamer und das leyt,

Das stet anligt der cristenheyt,"

FII

fehlt

(V.192)

"Laß dichs erparmen Yhesu Crist!"

FII

fehlt

(V.196)

"Got geb, wer fort das ampt foln det."

FII

fehlt

(V.215ff)

"O herr, nun sich doch selbs herab!

Sich, wie dein er, dein gut, dein hab

Doch angelegt wirt und verzert

Und dir dein eygens folck mitvert!

Dan herr, gib die vernufft uns alln,

Das wir uns weyter nit verschulden,

So wir herinnen ungedulden.

Gib uns zu gutem widerker:

Spricht Hans Folcz zu Nürmberg barwirer."

FII

fehlt

 

FI

(V.146ff)

"Hiemit ich dise red laß valln.

Doch wolt man mir ein frisch einschencken,

So wolt ich mich gar kurcz pedenken"

FII

fehlt

die möglicherweise36 ein Hinweis darauf sind, daß es sich um eine Vortragsfassung handelt, wurden eleminiert, dann also nicht mehr vorgetragen.

35 siehe J. Reichel (1984), Seite 346

36 Vgl. F.Langensiepen: Tradition und Vermittlung. Literaturgeschichtliche und didaktische

Untersuchungen zu Hans Folz. Berlin 1980, S.120

 

7. Auswertung

 

Die ins Auge fallenden Grundsätze für die Neubearbeitung der Reimpaarsprüche sind Materialeinsparung und Textkürzung. Das Grundprinzip der Kürzung ist dabei konsequent durchgehalten.

Dabei stellen sich zwei Fragen: Welches Ziel hatte Folz vor Augen, das der Materialeinsparung oder das der Textkürzung, und warum geht er gerade bei den Märentexten so rigoros vor, während er ja in einem anderen Fall ("Das römische Reich") einen leicht korrigierten Wiederabdruck bevorzugte. Daß bei Art und Ausmaß der Textänderung die Materialeinsparung bzw. Senkung der Produktionskosten im Vordergrund standen37, möchte ich bezweifeln. Ginge es nur um Materialeinsparung ("...geschah nach dem ganz banalen Wunsch, Geschichten drucken zu können, die genau auf zwölf bzw. acht Seiten paßten. Umgestaltung, weil das Format geändert werden muß"38) hätte man auch den Holzschnitt verkleinern können, um darunter sofort mit dem Text zu beginnen. Darüberhinaus ist es nicht beweisbar oder ersichtlich, daß Folz hier nur aus finanziellem Kalkül heraus handelte. Warum eigentlich änderte er nicht das Format, weil er umgestaltete? Das besondere an diesem Text ist doch, daß es zwischen der ersten und der zweiten Fassung ein Zeitraum von mindestens einem Jahr liegt (wahrscheinlicher sind aber mehr). In dieser Zeit konnte er die Publikumsresonanz prüfen und feststellen, welche Texte ankommen, warum andere Texte sich nicht verkauften, und was in welchen Texten verbesserungswürdig war. Man kann davon ausgehen, daß Folz nur diejenigen Texte überarbeitete, die erfolgreich waren. Das ist zwar auch nicht bewiesen, liegt jedoch auf der Hand. Folz hat nun seine "guten" Texte überarbeitet, nach den Anstößen seines Publikums. Nach dieser Maßgabe fertigte Folz seine Texte um und entfernte die Tacete Eröffnung, vergrößerte dafür den Holzschnitt und erdachte sich eine schlagkräftige Überschrift ("Dreü weib die ei porte fande"), ließ das Exposé ganz weg und kam gleich zum Thema, umging die überflüssigen Umschreibungen und Reflexionen, die zu langen Dialoge und erzählerischen Details und um die Texte "runder" zu gestalten reimte er manche Sprüche neu oder änderte

 

  1. dazu tendiert F.Langensiepen (1980), S.115 Anm.17

38 F.Langensiepen (1980), S.115

 

einzelne Wörter.

Die Trinkpause ließ er weg, vielleicht weil sie nicht mehr gebraucht wurde, vielleicht weil das Märe nicht mehr in der Schenke vorgelesen wurde. Der ganze religiöse Schlußteil wurde ersatzlos gestrichen39, und auch die Kritik an den Ständen wurde fallengelassen, möglicherweise fiel diese der Zensur des Rates40 oder einer Selbstzensur zum Opfer und stattdessen erleben wir eine harmlose Moralpredigt an diejenigen Männer, die sich besaufen und am nächsten Tag nichts mehr davon wissen, sowie an alle anderen Männer, sich vor dem listigen Weib in acht zu nehmen. Nachdem Folz nach Publikumswunsch kürzte, konnte er das Papierformat, die Lettern, die Blattanzahl und die Zeilenanzahl verringern; ein angenehmer Nebeneffekt, nicht mehr. So druckte er ein kleines Büchlein mit einer dicken Überschrift, einem ins Auge fallenden Holzschnitt und einen knappen, gerafften Text. Obendrein konnte er sie etwas billiger verkaufen41, da die Materialkosten geringer lagen42,43. Daß Hans Folz mit seinem Publikum korrespondierte wurde schon mehrfach thematisiert44,45,46.
  1. ein erstaunlicher Vorgang, denn in den "Wahrsagebeeren" ändert Hans Folz in der
  2. überarbeiteten Version den Schluß so, daß aus der Kritik am Kurpfuschertum antijüdische

    Polemik wird. "Die Wahrsagebeeren" bei Fischer 9a, V.127-132

  3. Da es in Nürnberg keine Zünfte gibt, war man der Zensur des Nürnberger Rates

unterworfen und auf dessen Wohlwollen angewiesen

41 was jedoch nicht belegt ist

42 Der Meinung, daß die Materialeinsparung nicht der entscheidende Grund für die

Überarbeitung ist, ist auch J.Reichel (1984) ("eine monokausale Erklärung, die allein

auf Folzens Gewinnstreben abhebt, scheint nicht vertretbar zu sein."), S.366ff

  1. Die Kosten für das Papier z.B. standen in keinem Verhältnis zum hohen

Investitionsaufwand und zu den laufenden Lohnkosten. Ein Buchdrucker mußte sich eine

Presse bauen lassen, und er mußte eine Gießform zur Herstellung von beweglichen

Lettern anschaffen, außerdem Setzkästen, Farbe, Lösungsmittel und anderes Material.

Vgl. F. Geldner: Inkunabelkunde. Eine Einführung in die Welt des frühen Buchdrucks.

Wiesbaden 1978, S.24ff

44 J.Reichel (1984), S.366

45 Fischer (1966), S.218ff

46 Janota (1977), S.81ff zur Chronologie Folzscher Drucke

 

Sein Verdienst ist es auch, Literatur einem Publikum erst zugänglich gemacht zu haben, ein Publikum, das nicht zwar wohlhabend war, aber in der Lage war, kleinere Büchlein und Broschüren käuflich zu erwerben; die großformatigen, oft in lateinischer Sprache abgefaßten und überwiegend theologischen Schriften sowie die Prosawerke erreichten ja nur ganz bestimmte Schichten.

"Die Gebrauchssituation dieser Literatur mußte sich erst noch einspielen. ...Dies war die Funktion der Erstauflagen der Mären. Erst zu diesem Zeitpunkt, als eine bestimmte Gebrauchstradition im Sinne eines Lesevergnügens sich eingestellt hatte und der Bedarf nach gedruckter Unterhaltung geweckt war, konnte Folz den wichtigen zweiten Schritt wagen und jene Umarbeitung von der Vortrags- zur Lesefassung vornehmen, die eigentlich erst den Übergang von der Sprechkultur zur Schriftkultur in diesem Gattungsbereich bedeutet."47

47 Jörn Reichel (1984), S.368

 

 

8. Literaturverzeichnis

 

 

- Brandis, Tilo "Handschriften und Bücherproduktion

im 15.und frühen 16. Jahrhundert"

In: Literatur und Laienbildung im

Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Stuttgart 1984

- Engelsing, Rolf "Analphabetentum und Lektüre. Zur

Sozialgeschichte des Lesens in

Deutschland zwischen feudaler und

industrieller Gesellschaft."

Stuttgart 1973

- Fischer, Hanns "Die Reimpaarsprüche"

Münchener Texte und Untersuchungen zur

Literatur des Mittelalters Bd.1

München 1961

- Fischer, Hanns "Hans Folz. Altes und Neues zur

Geschichte seines Lebens und seiner

Schriften" In: Zeitschrift für das

deutsche Altertum und deutsche Literatur

Nr.95, 1966

- Geldner, Franz "Inkunabelkunde"

Eine Einführung in die Welt des Buch-

drucks.

Wiesbaden 1978

- Gesamtkatalog der Wiegendrucke

Band IX Stuttgart/Berlin 1991

- Janota, Johannes "Hans Folz"

In: Fränkische Lebensbilder. Bd.10

Neustadt/Aisch 1983

- Janota, Johannes "Hans Folz in Nürnberg. Ein Autor

etabliert sich in einer stadtbürgerlichen

Gesellschaft."

In: Philologie und Geschichtswissenschaft

Heidelberg 1977

- Kästner, Ingrid "Johannes Gutenberg"

Leipzig 1981

- Leipold, Inge "Frühe deutschsprachige Druckprosa"

In: DVjs Nr.48 1974

- Langensiepen, Fritz "Tradition und Vermittlung.

Literaturgeschichtliche und

didaktische Untersuchungen zu Hans

Folz."

Berlin 1980

- Mayer, August "Die Meisterlieder des Hans Folz"

In: Deutsche Texte des Mittelalters 12

Berlin 1908

- Raas, Frank "Die Wette dreier Frauen"

Bern 1983

- Reichel, Jörn "Hans Folz als Bearbeiter eigener

Märendrucke."

In: Philologische Untersuchungen,

Wien 1984

- Sauer, Manfred "Die deutschen Inkunabeln, ihre

historischen Merkmale und ihr

Publikum."

Philologische Dissertation,

Köln 1957

- Spriewald, Ingeborg "Hans Folz Dichter und Drucker."

In: Beiträge zur Geschichte der

deutschen Sprache und Literatur."

Band 83, Halle 1961

- Spriewald, Ingeborg "Literatur zwischen Hören und

Sehen."

Berlin/Weimar, 1990

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