AN00020A.gif (1492 Byte)Alexander Drews

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10179 Berlin

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Strausberg, den 28.03.1996

 

Mediaevistische Seminararbeit zum Hauptseminar:

"`Neidhartiana´: Die Neidhartlegende und die Literatur des Spätmittelalters"

WS 1995/96

SL: PD Edith Wenzel

 

Thema:

Höfische Welt und bäuerliche Welt: die Funktion der Neithart Figur im Schwankroman "Neithart Fuchs"

 

 

Humboldt Universität zu Berlin

 

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Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel Seite
1. Struktur und Handlungsführung 3
2. Der Hof 8
3. Die dörperliche Welt 11
4. Neithart 15
5. Zusammenfassung 17
6. Literaturverzeichnis 20
7. Anhang 22

3

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1. Struktur und Handlungsführung

Daß dieser Zyklus von Schwankliedern heute als "Schwankroman" bezeichnet wird1, ist vor allem dem äußeren Rahmen zu verdanken. Sowohl der Beginn als auch das Ende des Schwankromanes "Neithart Fuchs" bilden innerhalb der Neidhartiana eine Ausnahme. Dieser Rahmen soll eine Biografie Neitharts dem Publikum suggerieren. Neithart verläßt seinen Heimatort Meichsen (Meißen?), denn:

"Eins mals mich zwang ein tumber muot,

das ich durch eine frawen guot

auß fuor in das ellende:

von Meichsen in ein ander lant, das man mich auch erkante."2

Neithart zieht "aufgrund einer Dummheit"3 aus seiner angestammten Umgebung weg, um sich in der Fremde neue "erkante" zu suchen, also neue Anerkennung, denn sein Weggang ergab sich aus einem "zwang". Das ist die klassische Ausgangssituation der mittelhochdeutschen Märe: der Ritter begeht einen Fehltritt, sucht in der Fremde die Aventiure um seine "êre" wiederherzustellen und kommt rehabilitiert an den Hof zurück. Um Aufmerksamkeit zu erregen singt er seine Lieder von "abenteür und schalle"4, wird aber nur verspottet. Da er sich mit den Gepflogenheiten der Stadt nicht auskennt, kommt er sich vor wie ein "goegkelman"5, eine Bezeichnung, die er später nur noch für die dörper verwenden wird. So beschließt er, mit List und Klugheit sein gelück6 zu machen. Der folgende Hosenschwank bildet den Beginn der Schelmenbiografie und hier schon unterscheidet sich der Titelheld von der üblichen mittelhochdeutschen Heldendichtung: Neithart versucht nun nicht mehr durch einen außergewöhnlichen, ehrenhaften Verdienst die Gunst des Herzoges zu gewinnen, sondern durch einen Trick. Er versteht es durch das listige Ausnutzen der Umstände, sich Vorteile zu

verschaffen. Neithart handelt nicht mehr "ideal", nicht mehr nach abstrakten Wertvorstellungen, sondern zweckorientiert, er reagiert den Umständen entsprechend. Diese, vom namentlich unbekannten Kompilator, klug gewählte Eröffnung charakterisiert Neithart Fuchs (den Schlauen) präfigurierend für das gesamte Buch.

Beendet wird der Zyklus durch ein eigens für dieses Buch verfaßtes Reimpaargedicht. Darin wird der Tod Neitharts festgehalten, nebst einer Eloge auf sein Wirken und den grabschändenden Sticheleien der Bauern. In diesen biografischen Rahmen arbeitete der Kompilator 12 der bekannten 16 Neithartschwänke ein. Außerdem finden sich noch wiederholende Lieder und Schwänke über körperliche Verunstaltungen der dörper, meist in Form von selbstzerstörerischen Kämpfen untereinander. Eine irgendwie geartete biografische

1 Hanns Fischer prägte den Begriff in "Zur Gattungsform des Pfaffen Amis." ZfdA 88 (1957/58), S.291-299

2 zitiert nach der Ausgabe von Felix Bobertag "Narrenbuch." Berlin 1884 / Diphthonge aus Satztechnischen

Gründen selbständig verändert (uo, oe usw.)

3 Petra Herrmann "Karnevaleske Strukturen in der Neidhart-Tradition." GAG 406. Göppingen 1984, S.294

4 Bobertag Ausgabe (BA), V.39

5 BA, V.41

6 BA, V.56, zum Begriff "gelück" siehe Erhard Jöst "Bauernfeindlichkeit." GAG 192 Göppingen 1976 S. 116

und Herrmann (1984), S.295

4

Rangfolge erfolgt nicht mehr. Rupprich meint dazu: "Diese Schwänke folgen ohne innere

Verknüpfung aufeinander"7, und Strohschneider vermerkt: "Die einzelnen Teile der Neithart-Kompilation stehen unvermittelt nebeneinander, innerhalb des Erzählrahmens zeigt ihre

Abfolge keinen Ansatz zu einer sukzessivlogischen Ordnung".8 Doch die Schwänke II, III,IV

und V folgen durchaus einer gewissen Ordnung. II bis IV könnte man zu einem Schwank (dem berühmten Veilchenschwank) zusammenfassen. Nr. V ist die Aufarbeitung desselben am Hof. Aber noch mindestens zwei weitere Schwänke folgen immerhin einer logischen Ordnung innerhalb des gesteckten Rahmens. Im Schwank XII kommt der als Jäger verkleidete Neithart in eine bedrohliche Situation: er wird erkannt und noch dazu von seinem Hauptfeind Engelmar. Doch dieser zeigt sich unter der Bedingung verschwiegen, daß Neithart ihn in seinen Liedern nicht mehr beim Namen nennt:

"her Nithart ich kan euch wol erkennen,

doch will ichs sagen keinem man,

wan ich will euch wol helfen darvon,

welt ier mich nimmer nemnen."9

Engelmar soll ab sofort der "Ungenannte" heißen. Der Trick: wenn Neithart vom "Ungenannten" spricht, weiß ja auch wieder jeder, wer gemeint ist. Warum aber der "Ungenannte" schon im VII. Schwank auftaucht, bleibt wohl das ewige Geheimnis des Kompilators. Hier trifft Neithart auf verschiedene Bauern:

"ist Wernbrechcz und auch der ungenante,

und ob den Eggenreich niemant erkannte,

der vierte daz ist pruoder Sigenbrant."10

Folglich wird anschließend neben den drei genannten auch "Der ungenant"11 zur Beichte gebeten. Später wird er als Engelmar enttarnt. Eine gewisse Reihenfolge in den Schwänken ist also festzustellen, aber schon der Fehler des Kompilators bei seinem eigenen Text zeigt, wie irrelevant dies für das damalige Publikum gewesen sein dürfte. Festzuhalten bleibt, daß das Episodenhafte in den einzelnen Schwänken dominiert.

Direkt an das Exposèe schließt sich der berühmteste Schwank innerhalb der Neidhartiana an: der Veilchenschwank. Während der Hosenschwank den Anfang des biografischen Rahmen bilden soll, steht der Veilchenschwank für den inhaltlichen Ausgangspunkt des Schwankzyklus. Er wirkt mehrfach präkonstellativ: Erstens wird hier die Ursache für die Bauernfeindlichkeit Neitharts ausgemacht:

"es wirt im nimer vergebens gan,

er wirt darumb erhawen,

das man in zesamen klauben muoß,

der sorgen wirt im nimer puoß,

7 Hans Rupprich "Zwei österr. Schwankbücher." In "Sprachkunst als Weltgestaltung." Salzburg 1966, S.311

8 Peter Strohschneider "Schwank und Schwankzyklus." In "Kleinere Erzählformen im Mittelalter."

Paderborn 1987, S. 170

9 BA, V.1419ff

10 BA, V.721ff

11 BA, V.760, im Übrigen kommt der Ungenannte schon in den WL 16 und 33 vor, vielleicht deshalb die

Verwechslung

5

 

der veiel wirt gerochen

all an den oeden toerpeln, die mir in hand abgeprochen."12

Der Veilchenraub und die Demütigung vor der Herzogin wird zur Ursache der Bauernfeindschaft Neitharts. Da "der veiel gerochen" werden muß, ist der Handlungsantrieb für alle weiteren Abenteuer gegeben. Auch dies ist das Ergebnis der Konzipierung des

Kompilators, denn in der Geschichte des Stoffes (z.B. beim "Sterzinger Spiel"13, bei dem

Neithart schon leit längerem mit den Bauern im Clinch liegt und sie ihn deshalb beim Pflücken des Veilchens beobachten; eine Motivation die hier fehlt) liegt der Grund Neitharts Feindschaft mit den dörpern schon lange vor dem Veilchenschwank. Dieser ist dort nur ein erneuter Höhepunkt in der Auseinandersetzung.

Zweitens wird in der Veilchenepisode die Art der Rache vorgegeben:

"das laster, daß er hat getan (...)

es wirt im nimer vergebens gan,

er wirt darumb erhawen,

das man in zesamen klauben muoß"14

Die Rache kann also nur in der physischen Zerstörung bzw. Verunstaltung der Bauern liegen. Genau dies wird nun in schier endlosen Wiederholungen vorgeführt, wobei es anscheinend unerheblich ist, ob diese Prügel von Neithart, seinen Leuten oder untereinander bezogen wird.

Mit dem Ende ist drittens auch der Ausgang vorgestellt: der Hof und sein Vertreter Neithart sind die Überlegenen über die dummen Bauern, die am Ende die Verlierer sein werden.

Viertens ist der Veilchenschwank bezeichnend für Figuren- und Raumstruktur der Schwänke.

Die Figuren und ihre Bedeutung bleiben innerhalb des Schwankzyklus im wesentlichen gleich, lediglich ihre Präsenz ist unterschiedlich. Neithart wird im Veilchenschwank als ein Vertreter des Hofes eingeführt. Zugleich ist er der Einzige, der sowohl in der höfischen als auch in der bäuerlichen Welt agiert. Der Hof und seine höchsten Repräsentanten (hier die Herzogin) bilden Neitharts "Rückgrad". Hier findet er Bestätigung und Rückhalt:

Da gieng ich also tauge

auf die purg und roet a so:

die red ist one laugen,

ir soellt alle wessen fro,

ich han den sumer funden.15

Sein Gegenspieler ist Engelmar und alle "Engelmeirs knecht"16. Räumlich gesehen stehen sich zwei entgegengesetzte Welten gegenüber: der Raum des Hofes und der der dörper. "Eine Grenzüberschreitung von seiten des höfischen Raumes aus ist (daher) ein `Abstieg´, von seiten des dörperlichen Raumes aus dagegen ein `Aufstieg´. Das Sujet entwickelt sich aus diesen beiden Bewegungsrichtungen heraus."17 Im Veilchenschwank ist es der Bauer

 

12 BA, V.197ff

13 "Neidhartspiele.", Hrsg. von John Margetts, Graz 1982 (Wiener Neudrucke 7), S.169–198

14 BA, V.200ff

15 BA, V.151ff

16 BA, V.148

17 Herrmann (1984), S.279

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Elchenbrecht, der in den höfischen Raum eindringt. Daraufhin begibt sich Neithart in die Welt des dörperlichen Raumes, um die Bauern zu beobachten. Die Folge ist die körperliche Züchtigung der dörper durch den Hof.

Die einzelnen Schwänke können nach einem Erzählmuster geordnet werden (nach Erhard Jöst):

"(1) Auf einen Natureingang folgen längere Passagen mit

(2) Beschreibungen oder Beschimpfungen von Bauern, dann fügt sich

(3) die Durchführung eines gegen die Bauern gerichteten Abenteuers an

und schließlich beendet

(4) die Belohnung des Bauernfeindes durch den Herzog die Erzählung."18

Innerhalb des Zyklus sind drei Erzählperspektiven zu beobachten. Vorherrschend ist die Ich-Perspektive. Die erste Überschrift läßt vorerst einen Erzähler auftreten:

"Hie kauft Neithart zwou hosen zuo Nüernberg und gab den leüten Regenspurger pfenig zelon, daß si den kauf machten. da kam der herczog von Oesterreich und wolt sechen, was da waer, da gab er im auch ein pfenig zelon."19

Nach dem stets neutralen Natureingang geht der Text in die Ich-Perspektive über:

"Eins mals mich zwang ein tumber muot,

das ich durch eine frawen guot

auß fuor in das ellende:

von Meichsen in ein ander lant, das man mich auch erkante."20

Innerhalb der einzelnen Schwänke trägt die Ich-Erzählung auktorialen Charakter; Neithart erzählt aus der Retrospektive über Sachverhalte, die er zum Zeitpunkt der Erzählung noch nicht wissen kann, wie z.B. im Veilchenschwank:

"daz sach ein filcze paur

hinder mein in einem tale"21

Wenn Intentionen, Gefühle oder Pläne der Bauern erwähnt werden, trägt die Erzählperspektive vollkommen auktoriale Züge. Während sich z. B. im Veilchenschwank der Sachverhalt (das berüchtigte merdum) im Nachhinein gedanklich rekonstruieren läßt, können Motivierungen oder Gefühle nur auktorial erzählt werden:

"es ward im (dem Bauer A.D.) ze saur,

daz er treib so bösen schale."22

Deshalb ist es durchaus logisch, wenn die Erzählperspektive von der Ich-Form wieder zu einem auktorialen Erzähler wechselt. Neithart wird aus der Geschichte, warum die Bauern das Veilchen stahlen und wie sie darum tanzten völlig herausgehalten, denn:

"Ein jaeger weidnet in dem holcz,

und da sach er die pauren stolcz (...)

wol pald fragt er ein hirten do,

warumb die pawren waeren fro

 

18 Jöst (1976), S.148

19 BA, Vor dem ersten Bild, S.149

20 BA, V.33

21 BA, V.142f

22 BA, V.144

7

 

das si so froelich sprungen.

si tanczen umb ein feiel zart, den hat ein paur gevungen.

zehant es wart dem Neithart geseit"23

Während Petra Herrmann der Meinung ist, daß "Alle Schwankabenteuer aus der Ich-Perspektive des Hofnarren und `Bauernfeindes´ Neidhart erzählt (werden)"24, so ist vielmehr ein ständiger Wechsel zwischen der Ich-Perspektive Neitharts und der eines neutralen Erzählers zu beobachten. Bestätigt wird dieser Eindruck durch die fast durchgehend neutral erzählten Schwänke ab der Mitte Ende des Zyklus, sowie durch das Ende.

23 BA, V.224ff

24 Herrmann (1984), S. 282

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2. Der Hof

Gleich zu Anfang des Schwankromanes macht Neithart keinen Hehl daraus, welcher gesellschaftlichen Nomenklatur er sich verpflichtet fühlt, denn bei seinem Gesang von "abenteür und schalle" meinte "man": "wer ich ze hoff erkant, es würd dem fürsten wol gefallen".25 Sein Ziel ist die Aufnahme an den Hof. Dies erreicht er durch einen typischen eulenspiegelhaften Wortstreich: er nimmt seine Umwelt wörtlich und stellt diese damit bloß. Der Herzog als der exemplarischer Vertreter des Hofes bemerkt den Witz ("vor glechter in niemant bescheiden moecht der gemelichen mere"26) und nimmt ihn mit an "des herren hoff"27. Neithart weiß: "wer fürsten huld erwerben wil, der muoß etwas verpringen"28 und für das, was er vollbracht hat wird er belohnt "mit speis mein hunger gepiesser ward, mit guoden wein mein durfte".29 Indem Neithart die bürgerliche Erwartungshaltung brüskiert und als Norm verletzt, wird er in einen anderen Raum, die höfische Umgebung versetzt. Würde Neithart nun ein in allen Belangen die höfische Norm repräsentierender Held werden, könnte die Handlung bereits zum Stillstand kommen. Sie tut es aber nicht, weil der selbst statische, `unbewegliche´ Hof eine Narrenfigur wie Neidhart gebrauchen kann.30 Dieser Hof wird so bereits zu Beginn als ein statisches Element gekennzeichnet (diese Veränderungsunfähigkeit nicht nur im Verhältnis zu den Bauern, sondern auch zu den eigenen Wertvorstellungen und Normen wird schließlich den eigenen Untergang bedingen). Während Neithart in der Rolle des Hofnarren die Grenzen (Standesgrenzen, Raumgrenzen) überschreiten kann, sind diese für die Vertreter des Hofes verbindlich31. Niemals wird ein Adliger in die dörper-Welt gelangen, vor den Bauern eine Rolle spielen oder sie zu übertölpeln versuchen. Das ist allein Neitharts Aufgabe; er wird in den folgenden Schwänken etwas "verpringen", seine Taten dem Hof vorführen und damit seine gesellschaftliche Stellung erfüllen. Der Hof bleibt auf einen Punkt konzentriert: auf Wien.

Der Veilchenschwank bildet die erste Konfrontation des Höfischen mit der dörper-Welt. Die Bauern dringen in die "saubere" und hehre Welt mit handfesten, nämlich fäkalischen Tatsachen ein. Diese obszöne Komik zeigt, wie sehr das Höfische, das Dörperlich- profane als Kontrastmittel benötigt, um die eigenen Wertvorstellungen aufrechterhalten zu können. Der Hof des Hochmittelalters, etwa der König Artus`, genügte sich in der Vollkommenheit seines Wertesystems noch selber, ein Narr wurde nicht gebraucht. Bezeichnend dafür ist der angehängte Wiederholungsschwank, bei dem Neithart die (und nur die) Häufchenszene am Hofe den Rittern noch einmal in aller Ausführlichkeit nahebringt.

Der Hof ist der Rückhalt Neitharts. Er legetimiert seine Streiche. Exemplarisch dafür ist der

 

25 BA, V.151

26 BA, V.152

27 BA, V.153

28 BA, V.153

29 BA, V.153

30 nach Herrmann (1984), 296f

31 s.a. Herrmann (1984), 297

9

Beichtschwank (VIII) oder auch der Salbenschwank/Figurenschwank (XIV/XV). Die Bauern beschweren sich bei Herzog Otto, der als Richter über die beiden Parteien Neithart/Bauern

fungiert. Sein Richtspruch ist genauso einseitig wie parteiisch:

"Da sprach der fürst so hoch geporn:

der Neithart hat ein eid geschworn

in latin, das tuot mir zorn.

ir pauren merckt zuo diser stund,

das züpprion heisset mein hund.

gept im zewandel treissig pfund."32

Mit dieser Einseitigkeit wird der "Absolutheitsanspruch bestehender Normen relativiert. (...) Sie hat nichts mehr mit der höheren ausgleichenden Warte eines Artushofes zu tun, dessen Urteil normativen Charakter hat und bindende Gültigkeit beanspruchen darf".33

Auch Erhard Jöst wundert sich: "Daß ein Meineid, eines der größten Vergehen im Mittelalter, vom Herzog gedeckt und darüber hinaus noch belohnt wird, wirkt recht absonderlich" 34

So kann der Herzog Neithart noch zu weiteren Taten anspornen:

"er sprach: Neithart hab dir mein pfoerdt,

und thuo den pauren hewer alß ferd."35

Ganz und gar keinen Rückhalt für Neithart bildet der Hof im bemerkenswerten Herzogschwank (XVIII). Neithart muß hier seine list gegen alle Beteiligten anwenden: gegen die Bauern, den Herzog und seine Frau.

Erhard Jöst meint dazu, daß "der Neidhart seinen eigenen Herrn, den Herzog Otto überlistet, fügt sich nicht in das ansonsten starr fixierte Konzept."36

Wenn man aber davon ausgeht, daß das Publikum für das Buch schon nicht mehr im höfischen Kulturkreis, sondern vielmehr im städtisch-bürgerlichen Milieu zu finden ist, und wenn man die oben aufgeführten Aspekte der Aufweichung der idealistischen höfischen Normen einbezieht, fügt sich diese Szene jedoch nahtlos an die vorangegangenen an. Das Einbeziehen des Herzoges in die Eulenspiegeliade im Hosenschwank, die Reaktion der Herzogin auf die Überraschung unter dem Hut, Neitharts Meineid und der ihn deckende Herzog und nun ein tölpelhaft überlisteter, lüsterner Fürst; das alles ergibt nicht gerade ein Bild von tugent und êre der höfischen Gesellschaft. Vielmehr macht sich hier ein städtisch-bürgerliches Publikum über überkommene Wertevorstellungen lustig.

Die "List des Schwächeren, wenn auch Feineren, gegenüber dem Stärkeren, aber Rohen, zum Paradigma zweckorientierten gegenüber wertorientierten Handelns in einer historischen Phase (der) soziokulturellen Dekadenz ist karnevalesk entfaltet."37

32 BA, V.1817ff

33 Herrmann (1984), S.322

34 Jöst (1976), S.143

35 BA, V. 1661f

36 Jöst (1976), S.148

37 Herrmann (1984), S.325

10

Neithart ist nicht mehr der Ritter im Kampf für den Hof und seine Ideale gegen die Bauern. Seine Rolle definiert sich als der des Hofnarren.

In dem Maße, wie die ideologischen Aspekte bei Neitharts Agieren zurücktreten, verkommt der Hof zur Statistenrolle.

Übrig bleibt ein erstarrtes, unmodernes höfisches Gebaren, über das man bereits lachen kann.

11

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3. Die dörperliche Welt

Die Bauern werden von Neithart Fuchs konsequent als "dumm, faul und häßlich, äußerst plump und gefräßig, bösartig-verschlagen und streitsüchtig, von einem großen Geltungstrieb beherrscht"38 beschrieben. Besonders signifikant ist freilich ihre Aggressivität und ihr Hang, die Standesgrenzen übertreten zu wollen. Ganz offensichtlich sind sie nicht mehr gewillt, die ihnen aufgezwungenen Verhaltens- und Spielregeln einzuhalten. Beispielsweise in der Kleidung, die sogar edler, als am Hofe getragen wird:

"mit iren gestreiften hosen, die Renhart leßel treit.

sin mit seiden schnieren wol durchnaet

damiten auf der rechten ein gelber striche gat.

von ritter noch von knechten han ich es gesehen nie

in teuschen landen, das toerpel ie

also üppigclichen zetancz gand als hie."39

Ihre Hauptbeschäftigung ist nicht das Arbeiten sondern das Tanzen. Mit dieserart "Arbeitslosigkeit" wird nicht nur ihre Faulheit betont, sondern es wird das "Betätigungsfeld" des Adels übernommen.

"einer der hieß der Schneitenpogen, (...)

da sach man seitlich tanczen in

vor grossen springen keinster.

er taucht sich üpig groß vnd schwaer

sam ob er waer

ein edelmann gar feister."40

Bis in die Details des dörperlichen Lebens kann man die höfische Imitation erkennen, ob an der bunten Kleidung, den langen Haaren oder dem Essen ("guot fleisch vnd auch die fische"41 = typisches Adelsgericht). Ausführlich wird der Waffenbesitz der dörper beschrieben: hier zeigt sich höfische Imitation gepaart mit Aggressivität und Bedrohung. Ihr Waffenarsenal klingt wie eine Bestandsaufnahme von Angriffswaffen des 14./15. Jahrhunderts: sie besitzen helmparten (V.473), messer (V.716, 1285), plaschen (V. 726, 781, 1532), hirschheiten (V. 765), schwerter, sewel, tegen und lanzen (V. 784, 1285, 793, 1285, 1090), axst, scheitt, helnparten vnd spies (V. 2106), kolben, stangen vnd büchsen (vnd sper) (V. 2107), weibel ruten (V.2303), armprost (V.2364) und kipel eisen (V. 2702).42 Diese Waffen werden stets provozierend offen getragen. Oft genug wird von ihnen Gebrauch gemacht, meist jedoch im Kampf untereinander, wenn die Streitlust nach einem Tanz ausgebrochen ist.

Der Alltag in Zeisselmauer wird von Neithart Fuchs in den schillernsten Farben dargestellt. Wenn die Bauern einmal nicht tanzen, dann feiern sie ausgelassen ihre Feste:

 

38 Jöst (1976), S.155

39 BA, V. 3536

40 BA, V. 481

41 BA, V. 480

42 nach Jöst (1976), S.152

12

"si wöllen danczen

vnde schwanczen

mit der lanczen

vngefer.

si woellen springen

mit den klingen

vnd wend singen

aber mer."43

Sie essen "guote speis vnd feiste braten"44 oder eben "guot fleisch vnd auch die fische"45, getrunken wird Wein ("Wol vierzechen kentelin mit wein / si trüngens zuo einer tür hinein"46), genau das Getränk, daß sich Neithart bei Hofe wünscht ("man fürt mich für den fürsten, / (...) / mit guoten wein mein durfte."47). Das paradiesische Leben läßt sich auf den Nenner bringen: "der enwill ir keiner sein ein paur"48. Wenn sich diese Darstellung mit der historischen Realität der Bauern decken würde (wie man u.a. in der Neidhart Forschung des 19. Jh. annahm49), wäre diese Anmaßung der dörper eine existenzielle Bedrohung für den Hof. Doch sowohl die Wirklichkeit (vgl. Hilde Högli50) als auch die literarische Fiktion sah anders aus. War das vordringlichste Ziel des Sängers Neidhart aus dem 13. Jh., die Bedrohung der Bauern darzustellen, so wird das imitierende Verhalten der Bauern im "Neithart Fuchs" der Komik preisgegeben. Das bäuerliche Gebaren wird zum Cargo-Kult degradiert. Der Versuch der Nachahmung des höfischen Tanzes (im Bewußtsein auch des städtischen Rezipienten als langsamer, maßvoller, sich zurücknehmender Tanz) wird zum wilden ungezügelten Springen, welches für gewöhnlich in einer Rauferei endet. Genaugenommen ist hier wieder die Gegenüberstellung höfische Sitte kontra merdum zu erkennen. Der Höhepunkt in der zur höfischen Welt kontrastierenden Darstellung dürfte der Brautschwank sein. Statt minne und langes Werben, schüchternde Blicke und Grüße wird ein besonders triebhaftes und dummes Exemplar von Bauer vorgeführt. Er ist so dumm und gutgläubig, daß er die Verkleidung von Neithart, der sich als junges, hübsches Mädchen ausgibt, nicht erkennt, aber "ihr" sein Geld als Morgengabe überläßt. Das Triebhafte und Ungezügelte, regelrecht Tierische ("Der paur sprang hin als ein tire"51) kommt am Deutlichsten in den etwas abweichenden Versionen z1 und z2 zum Ausdruck:

"hemet vnd bruch er ab im rayß

und ließ

ein schayß

43 BA, V. 1088

44 BA, V. 1517

45 BA, V. 480

46 BA, V.1403

47 BA, V. 111

48 BA, V. 2472

49 Vgl. Jöst (1976), S.157

50 Hilde Hügli "Der deutsche Bauer im Mittelalter." Phil. Diss., Bern 1928, S.43

51 BA, V..598

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so groß was sein begere. (...)

Liebe zarte kum wol pald,

ehe das dir dein

arß erkalt

ich muß dich halssem zware."52

Die Bauern werden als willkommene Objekte vorgeführt, zum Nutzen der Komik. Obendrein werden sie für ihre dreiste Art durch Prügel oder Verstümmelung bestraft (wenn Standesgrenzen überschritten werden - wie z.B. im Veilchenschwank) oder durch ihre Tölpelhaftigkeit überlistet (wie im Brautschwank). Das Ergebnis ist immer dasselbe: Die Bauern sind die Unterlegenen. Nur so kann das Prinzip des Schwankes funktionieren. Bedingung ist jedoch, daß die dörper ein potenter Gegner für den Herausforderer Neithart sind. Dafür werden weniger ihre albern getragenen Waffen benutzt; vielmehr ist es ihre zahlenmäßige Überlegenheit in ihrem Revier, der Zeisselmauer. Neithart muß schon sein ganzes Können, seine List, aufbieten und wenn das nicht reicht, sogar noch um himmlische Gunst bitten, um die Gefahr bestehen zu können. Denn einen von vornherein unterlegenen Gegner zu besiegen, ist keine erwähnenswerte Leistung. Je stärker der Gegner und je kleiner der Herauforderer ist, desto größer wird seine List und umso bemerkenswerter sein Erfolg sein. Durchaus ähnlich verhält es sich auch bei Neithart in Opposition zum höfischen Raum (Der Taube-Frau-Schwank). Im "Neithart Fuchs" ist der ständische Aspekt, der in den frühen Tradierungen der Neidhartiana im Vordergrund stand, schon so weit unterentwickelt, daß das Gegensatzpaar höfisch/bäuerlich bereits von der universaleren Opposition Dummheit/List abgelöst wurde. Deshalb wohl kommt es nicht mehr so sehr darauf an, die ungefügen gachen zu töten, sondern sie körperlich lächerlich darzustellen; als verstümmelte, lächerlich verzerrte Körper. Das Agieren der Bauern ist gekennzeichnet von Reaktion, Unbeweglichkeit, Dummheit. Der Symphatieträger Neithart agiert mit Klugheit, Schnelligkeit, Beweglichkeit und List. Da es keine idealen Wertnormen eines imaginären höfischen Systemes mehr zu verteidigen gibt, wird eine andere, neue Norm propagiert: die praktische Lebensklugheit des Einzelnen gegenüber einer starren Masse. Das Zauberwort, das deutlich an ein städtisches Publikum gerichtet wird, heißt Rationalität. Auch deshalb ist es äußerst fraglich, die Bauern in den Rang eines ernstzunehmenden, potenten Gegners zu erheben ("Die nicht zu unterdrückende, anarchische Aufsässigkeit derer aus Zeiselmauer gefährdet in dieser Kompilation (so) unablässig und (so) existentiell die Weltordnung"53). Für eine ernsthafte Rolle als Neitharts Gegenspieler fehlen ihnen die Voraussetzungen und Möglichkeiten, sie "sind ihm nicht nur sozial unterlegen, sondern auch noch dumm. Als einzelne sind sie uninteressant, deshalb müssen im NF und auch schon bei Neidhart die Dörper als Masse auftreten..."54

Wenn am Ende des Schwankromanes die Bauern mit ihren Spießen auf Neitharts Grab einstechen zeigt das nicht den Sieg der dörper über den Bauernhasser und auch nicht das

52 zitiert nach Jöst (1976) S.139/140

53 Strohschneider (1987) S.170, der daraus das Erzählprinzip der Kompilation ableiten will.

54 Herrmann (1984) S.343

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"Scheitern und das Ausgeliefertsein des Ritters an die Aggressivität der Dörper"55, sondern einen Punkt im permanenten Kampf der Unart und der Dummheit (hier in der Maske der dörper, gegen die aber kein Stand gefeit ist) gegen die List. Neithart als der Vertreter des Letzteren ist zwar gestorben, aber da "man find noch vil des Neitharcz kind"56 wird die "kluoge list"57 wieder auferstehen und Neithart Fuchs kann beruhigt in seinem Grabe liegen:

"so bald er in dem grab muoß ligen,

so würt sein hie bald geschwigen.

darnach so spricht man: las in liegen,

der tie dar zuo bei seinem leben,

das man im lob und bries mig geben.

und wann er dan kumm in sein grab,

des man von im vil guocz zuo sagen hab"58

55 Strohschneider (1987), S.168

56 BA, V..3911

57 BA, V. 3897

58 BA, V.3926ff

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4. Neithart

 

Neithart ist der einzige "Grenzgänger" im Schwankbuch. Auf die Ambivalenz der Figur deutet bereits der Name: Seinen Beinamen "Fuchs" bekam er wohl wegen seiner Klugheit und List. Außerdem deutet der Name Neithart auf die allegorische Bedeutung für teuflischen Haß oder Neid; Neithart ist die personifizierte List und zugleich der legendäre Bauernhasser.

Bereits im ersten Schwank wird er in die höfische Welt eingeführt. Sein Auszug am Beginn, um mit list sein gelück zu suchen, erinnert an vergleichbare viten im Narrenroman wie z.B. beim Simplicissimus, der ja auch von adliger Geburt ist, aber bei armen Leuten aufwächst. Neithart wird auf dem Marktplatz vom Herzog als Narr erkannt und als solcher am Hof aufgenommen. Das besondere an einer Hofnarrenrolle ist, daß man die "Wahrheit" aussprechen oder Grenzen übertreten kann, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen. So kann Neithart z.B. obszöne Dinge am Hofe sprachlich artikulieren.59 Und er kann damit zum Hof gehören, ohne deren Normen strikt befolgen zu müssen; das macht die klassische ambivalente, vor allem aber bewegliche Rolle des Hofnarren aus.

Der Hosenschwank zeigt aber auch, wie sehr der Titelheld bereits "verbürgerlicht" ist. Er verfolgt sein Ziel (hier: Anschluß an den Hof zu bekommen) zweckorientiert, mit Glück, und Geschick. Neithart steht damit im Gegensatz zum Hof oder zu den Bauern für ein zweckorientiertes Handeln gegenüber dem wertorientierten bzw. deren Imitation.60 Im Hosenschwank gewinnt er durch den gezielten Einsatz seiner list die Gunst des Herzoges, im Brautschwank werden die Bauern übertölpelt, im Taube-Frau-Schwank der Herzog überlistet. Eine weitere "positiv-bürgerliche" Eigenschaft ist seine Aktivität. Während der Sänger Neidhart am Hofe noch der passive Beobachter ist, der sich über die üblen Zustände bitter beklagt und von der Bestrafung der Bauern träumt, läßt sich der Ritter Neithart Fuchs nur noch wenig Zeit zur Klage: er geht sofort zum Angriff über. Beleg dafür sind die vielen körperlichen Züchtigungen der dörper vor allem im zweiten Teil des Buches61. Doch obwohl Neithart bürgerliche Werte propagiert ist er nicht uneingeschränkt ein positiver Held in der Kompilation. Er ist kein Erec, der von Riesen bedrohten Frauen hilft und auch kein Parzival, der am Ende einer Irrfahrt die heilsspendenden Worte ausspricht. Neithart verprügelt eine dumme Masse Bauern, bringt sie um ihr Geld und macht sie lächerlich. Da die Ständekritik im "Neithart Fuchs" zugunsten der Komik zurückgetreten ist, wird Neithart nicht das Sprachrohr der latenten Bedrohungsgefühle des Hofes, sondern sein immer stereotyp werdender Einsatz

59 Daher auch die fälschlichen Vorwürfe der Unmoral im 19.Jahrhundert. Heinz Rupp: "Vieles, was im 19.Jh.

und vielleicht auch uns noch unmoralisch und nicht aussprechbar erscheint, galt im Mittelalter, wenn nicht

als sittlich, so doch als indifferent und damit aussprechbar." Aus "Schwank und Schwankdichtung in der

deutschen Literatur des Mittelalters." In: Der Deutschunterricht. Jahrgang 14, Heft 2, Stuttgart 1966, S. 35

60 Daß das Handlungsmodell der list eng mit der Verbürgerlichung der Literatur verbunden ist zeigte Hedda

Ragotzky in "Das Handlungsmodell der list und die Thematisierung der Bedeutung von guot." In "Literatur-

Publikum-historischer Kontext." Bd.1, Bern/Frankfurt/Las Vegas 1977

61 Strohschneider, 166/167

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gegen die dörper wird zum Selbstzweck. Die Auseinandersetzung mit den dörpern ist auch nicht mehr von einem höfischen Heroismusprinzip durchdrungen. So kann er - im mittelalterlichen Roman noch undenkbar - seine Identität wechseln. Von einem Bezug von äußerlicher Darstellung und innerem Wert ist nichts mehr zu spüren; so kann er als Mönch, als junges Mädchen, als Jäger usw. verkleidet auftreten, um anschließend ohne größere Probleme wieder er selbst zu sein. Wenn seine Tarnung auffliegt kann er ganz unheroisch

davonlaufen (Beicht-/Bremsenschwank). Die wechselnde Identität ist dabei immer bewußte

Verkleidung, ganz im Gegensatz zu den dörpern, die als Mönche aufwachen und annehmen, sie wären auch dieselben. Neithart hingegen plant und durchschaut seine Rollen. Daher kennt er keine Skrupel. Seine Handlungen werden nicht von einem Pathos oder besonderen Wert getragen, er tut, was die Lage erfordert. Das ist komisch für ein Publikum, daß die Position Neitharts teilt. Ob es sich dabei um ein "höfisches Publikum"62 handelt, ist zweifelhaft. Der Taube-Frau-Schwank ist ein deutlicher Beleg dafür, daß Neithart seine list im Einsatz für die Komik auch gegenüber dem Hof und seine Vertreter einzusetzen versteht, denen an dieser Stelle das Lachen vergehen dürfte. Die Ständekritik der frühen Neidhartlieder ist abgeschwächt worden zur Ständesatire. Diese dominiert aber die Zusammenstellung nicht mehr, das Sujet ist ein anderes63. "Vielmehr hatte sich der `oede törpel´, der `dumme Bauer´ als Topos verselbständigt und von der historischen Realität entfernt"64. Petra Herrmann weicht deshalb von der gängigen Vorstellung ab, Neithart als einen Vertreter des Hofes anzusehen. Er ist zu einer zum Hofnarren stilisierten Figur geworden, "fernab von jeder Zeitgeschichte"65. Er gehört im Grunde "zwei Milieus an: dem nicht-höfischen, wo er herkommt, und dem höfischen, zu dem er später gehört. Sein Abenteuerweg ist immer ein Abstieg. Erst, wenn er `unten´ bestanden und nicht versagt hat, darf er wieder nach `oben´, kann er bei Hofe aufgenommen werden. Im Gegensatz zum höfischen Roman ist auch diese Aufnahme bei Hofe niemals endgültig. (Auch) sie bleibt `stationär´, eine Rast, nach der Neidhart wieder zu neuen (Schand)-Taten aufbrechen muß.66

62 Jöst (1976), S.105

63 Herrmann (1984), S.336

64 Herrmann (1984), S.336/337

65 Herrmann (1984), S.337

66 Herrmann (1984), S.342/343

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5. Zusammenfassung

Innerhalb der Neithartiana nimmt der Schwankroman "Neithart Fuchs" eine Sonderstellung ein. Bezugnehmend auf den Wiener Hof des beginnenden 14. Jahrhunderts und etwas später, im ausgehenden 15. Jh. zum ersten Mal erschienen, vermittelt die Zusammenstellung aus insgesamt 37 Schwänken den Eindruck einer Biografie des Titelhelden Neithart. Während Felix Bobertag bei der leider noch bis heute einzigen Ausgabe von einem "litterarischem Denkmal von eigenartigem Werte", einem "Machwerk" sprach, welches ein "lächerlicher" Kompilator "plump und nachlässig"67 schuf, ist Erhard Jöst heute der Ansicht, daß das Buch ein "literarisches Zeugnis von hohem kulturellen Wert darstellt", da man "doch an ihm die Besonderheiten von Texten in einer historischen Umbruchszeit studieren"68 kann. Wie schwierig es ist, mit dem heutigen Verständnis Motivik und Intentionen zu verstehen zeigt u.a. der "Bilderschwank"(XV). Neithart fertigt Puppen nach dem Vorbild der dörper an, die entsetzt, geradezu panisch reagieren ("im korb was von bauren manig geschlecht,/ vor leid in reiß aus der schweiß,/ der Engelmeir vor zoren in den Schwerczknopf peiß,/ das das feür auß her gleiß."69). Diese Szene gibt bis heute ein Rätsel auf. Noch schwieriger scheint es, die Wirkungsabsicht und das Publikum für den Text zu bestimmen. Wenn man, wie Erhard Jöst, davon ausgeht, daß der Text "zur Erheiterung eines höfischen Publikums beiträgt, das sich in seinem abwertenden Vorurteil bestätigt fühlt"70, wird man zwangsweise nur auf ein Ergebnis kommen können: "Die Positionen sind festgelegt: Auf der einen Seite der überlegene Adel, die Ritter und Hofkreise, auf der anderen Seite die dummen, hoffertigen Bauern. Die Komik der Historien ergibt sich daraus, daß die Bauern aus ihrem Stand entfliehen, aufsteigen und den Rittern gleichgestellt sein möchten..."71 Neithart "fungiert" deshalb als "der Repräsentant des Hofes"72. Paul Böckmann meint, daß "sich die Bauern mit den Rittern gleichstellen wollen, erscheint als die Wurzel alles Übels, so daß der Neithart-Streit noch grundsätzlicher ein satirisches Licht auf das Verhältnis der Stände zueinander fallen läßt und den konsevativen Sinn zu stärken sucht."73 Wenn man dagegen wie Petra Herrmann davon ausgeht, daß "im Vordergrund das unterhaltsame schwankhafte Element steht"74, also nicht mehr der soziale Antagonismus, eröffnen sich neue Möglichkeiten bei der Frage nach Motiv oder Publikum. Danach ist Neithart Fuchs ein "Einzelgänger"75, der mit dem sich verselbständigten Topos des dummen Bauern spielt. Neithart ist der Exponent des Rationalen

67 Vorwort zur Ausgabe von Felix Bobertag, S.147

68 Jöst (1986), S.405

69 BA, V.1777f

70 Jöst (1976), S.105

71 Jöst (1976), S.102

72 Jöst (1976), S.103

73 Paul Böckmann "Die Formgeschichte der deutschen Dichtung." Bd.1, Hamburg 1965, S.193

74 Herrmann (1984), S.278

75 Herrmann (1984), S.340

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und verkörpert "die vitale Tendenz, die grotesk verzerrte Erotik. Das Schwankbuch stellt vor allem karnevalisierte Sinnlichkeit in der Thematisierung von Obszönität vor."76 Wo der "echte" Neidhart nur metaphorisch umschreibt und zweideutig wird, werden seine Nachahmer direkt. Dies korrespondiert mit Rupprichs Feststellung, daß "das aufkommende bürgerliche Publikum

Neues und gröberes, unhöfliche, gesalzene Dinge verlangte."77,78 "Der Schwankdichtung des 14. und 15. Jahrhunderts mangelte die Absicht einer sittlichen Vertiefung und fehlte die ethische

Wertung; sie will nur mehr unterhalten und stellt sich auf eine untere Bürgerschicht als Leser- und Hörerschaft ein.79

Petra Herrmann zeigte, daß Neithart die typischen Eigenschaften eines Schelmes hat und mit den Romanhelden des höfischen Romanes nichts mehr gemein hat.80 Neitharts Vita beginnt danach mit dem typischen Initiationsritus eines Schelmes (Versetzung von Meichsen in das ellende), er zeichnet sich durch Naivität und Jugendlichkeit aus. Er ist aktiv im Gegensatz zum Neidhart des 13. Jahrhunderts und - "wie alle Schelme nach ihm"81 ein Einzelgänger. Er befindet sich immer auf dem Weg und dieser ist ein unendlicher Stationsweg. Dazu kommt die Umkehrung seiner Identität durch seine Verkleidung. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, daß nun der Taube-Frau-Schwank nahtlos in das Schwankbuch integriert erscheint, während Jöst ihn noch als Ausnahme sah. Neitharts agieren wird hier zur allgemeinen Ständesatire, bei der der Hof nicht verschont wird, was freilich schwer zu zeigen ist, wenn Neithart der "Repräsentant des Hofes" selbst ist.82 So gesehen versteht sich die Verkleidung des Titelhelden als die Verkörperung des karnevalesken Prinzips überhaupt und auch seine "maximal fröhliche und nüchterne Weltsicht"83 paßt nun ins Figurenkonzept. "...so hat der Schelm Neithart Fuchs die pragmatische Konsequenz aus dem Niedergang des ritterlichen Ethos gezogen: Er kreiert die lachen machende `list´ und - das Karnevalslachen."84 Es ist klar, daß dieses Karnevalslachen nicht mehr an ein höfisches Publikum gerichtet ist, sondern es ist eher "im Sinne bürgerlicher Selbstreflexion in den Städten des 16. Jahrhunderts"85 zu verstehen. "Verstand es ein Autor, lustige Begebenheiten lebendig darzubieten, so war er freilich auch der Teilnahme höherer Kreise sicher, aber die auf derb anschauliche, zum Lachen reizende Wirkung und wirklichkeitsnahe Formgebung eingestellte Erzählweise

76 Herrmann (1984) S.337

77 Rupprich (1966) S. 299

78 Vielleicht erscheint das Buch deshalb heute so, als ob der Kompilator es nur auf den "ebenso penetranten

wie redundanten Nachweis ihrer (gem.sind die Bauern A.D.) Beschränktheit, ihrer Primitivität und

Gewalttätigkeit" ankam. Zitiert aus Werner Röckes "Die Freude am Bösen", München 1987, S.191

79 Rupprich (1966) S.299

80 Herrmann (1984) Im Kapitel 4.5. "Die Karnevalisierung des `Helden´: Neithart der Schelm" S. 336 ff

81 Herrmann (1984) S.340

82 wie Anm. 72

83 Herrmann (1984) S.349

84 Herrmann (1984) S.349

85 Herrmann (1984) S.349

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machte die Schwankdichtung doch zunehmend volkstümlicher.86

Im Vordergrund der Lieder in der Schwanksammlung "Neithart Fuchs" steht das Obszöne, Verzerrte, aber vor allem das schwankhafte Element. Nicht zuletzt sein Name "Fuchs", der Schlaue, weist auf den spätmittelalterlichen Schelm, dessen vita vom Auszug aus Meichsen bis zu Alter und Tod hier beschrieben wird. "`Neithart Fuchs´"propagiert "die List, einen für ihn positiven Wert, nämlich den Vorrang von zweckorientiertem vor wertorientiertem Handeln. Dadurch entwertet er nicht nur nachträglich überkommene Ideale, sondern bietet indirekt eine Handlungsalternative an."87

86 Rupprich (1966), S.299/300

87 Herrmann (1984), S.357

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6. Literaturverzeichnis

 

Primärliteratur:

-Bobertag, Felix "Deutsche National-Litteratur. historisch kritische Ausgabe."

11. Band: "Narrenbuch. Kalenberger.Peter Len. Neithart Fuchs. Markolf. Bruder Rausch." Herausgegeben von Felix Bobertag, Berlin und Stuttgart 1884

 

Sekundärliteratur:

-Böckmann, Paul "Formgeschichte der deutschen Dichtung", Bd.1: "Von der Sinnbildsprache zur Ausdruckssprache", Hamburg 1965
-Fischer, Hanns "Zur Gattungsform des Pfaffen Amis", ZfdA Nr. 88 1957/58
-Herrmann, Petra "Karnevaleske Strukturen in der Neidhart-Tradition", GAG Nr.406, Göppingen 1984
-Hügli, Hilde "Der deutsche Bauer im Mittelalter" Philologische Dissertation, Bern 1928
-Jöst, Erhard "Bauernfeindlichkeit. Die Historien des Ritters Neithart Fuchs", GAG Nr.192, Göppingen 1976
-Jöst, Erhard "Die österreichischen Schwankbücher des späten Mittelalters" in "Die österreichische Literatur ihr Profil von den Anfängen im Mittelalter bis ins 18.Jh.", Teil 1 Graz 1986
-Margetts, John Herausgeber der "Neidhartspiele", in "Wiener Neudrucke" Bd.7, Graz 1982
-Ragotzky, Hedda "Das Handlungsmodell der list und die Thematisierung der Bedeutung von guot" in "Literatur-Publikum-historischer Kontext" Bd.1, Bern-Frankfurt/Main-Las Vegas 1977
-Röcke, Werner "Die Freude am Bösen - Studien zu einer Poetik des deutschen Schwankromans im Spätmittelalter", München 1987
-Rupp, Heinz "Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters" in "Der Deutschunterricht", Jahrgang 14, Heft 2, Stuttgart 1966
-Rupprich, Hans "Zwei österreichische Schwankbücher. Die Geschichte des Pfarrers vom Kahlenberg . Neithart Fuchs" in "Sprachkunst als Weltgestaltung", Festschrift für Herbert Seidler, Salzburg/München 1966
-Strohschneider,

Peter

"Schwank und Schwankzyklus, Weltordnung und Erzählordnung im `Pfaffen von Kahlenberg´ und im `Neithart Fuchs´" in "Kleinere Erzählformen im Mittelalter", Paderborner Colloquium, Paderborn/München/Wien/Zürich 1987